{"id":338,"date":"2023-07-23T14:22:32","date_gmt":"2023-07-23T12:22:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/?p=338"},"modified":"2023-07-23T14:28:20","modified_gmt":"2023-07-23T12:28:20","slug":"geschichtsvergessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/index.php\/2023\/07\/23\/geschichtsvergessen\/","title":{"rendered":"Geschichtsvergessen"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist Krieg in Europa. Hat man in letzter Zeit \u00f6fter geh\u00f6rt, nicht? Die Emp\u00f6rung hat sich aber weitestgehend gelegt, schon seit l\u00e4ngerem. Die Gew\u00f6hnung an schlechte Nachrichten erfolgt schnell, das Tagesgesch\u00e4ft wartet nicht, also l\u00e4sst man eine Sau nach der anderen durchs Dorf treiben, mal lachend, mal sch\u00e4umend beobachtend, je nach dem, was angebrachter scheint, um allen anderen die richtige Haltung zu demonstrieren und sich selbst als auf der richtigen Seite der Geschichte stehend zu f\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugegeben habe ich keine besonders gute Meinung von meinem Heimatland. Da ist schon zuviel geschehen und geschieht immer noch, aktuell in einer Art und Weise, die seinesgleichen erst finden muss. Das soll aber nicht das Thema sein<\/p>\n\n\n\n<p>Unabh\u00e4ngig davon, was ich von diesem, meinem Vaterland halte, masse ich mir an, mit seiner Geschichte weitestgehend vertraut zu sein, vermutlich mehr als viele andere, die als Beweis bei jeder Gelegenheit ihr Bekenntnis auf die Fahne ablegen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wesentliches Missverst\u00e4ndnis in der Geschichte der Schweiz, oder eher in der Selbstwahrnehmung ebenjener, ist zu glauben, die Schweiz, so wie es sie heute gibt, sei ein Ergebnis der Verschw\u00f6rer von 1291.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.20min.ch\/story\/die-jugendlichen-haben-keine-ahnung-was-der-ruetlischwur-ist-657347256484\">https:\/\/www.20min.ch\/story\/die-jugendlichen-haben-keine-ahnung-was-der-ruetlischwur-ist-657347256484<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich braucht jede Nation ihre Mythen als Grundlage f\u00fcr die Identit\u00e4tsbildung. Man muss sich ja auf etwas berufen k\u00f6nnen, will man sein mehr oder weniger aufrichtiges Handeln entsprechend legitimieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Wer es aber etwas genauer mit der Schweizer Geschichte n\u00e4hme, w\u00fcrde schnell feststellen, dass der Bundesstaat, die heutige Confoederatio Helvetica, auch im der heutigen geographischen Gestalt ein Ergebnis des Wiener Kongress ist. Besonders st\u00f6rend an dieser verbreiteten Missinterpretation der Geschichte ist, dass gerade die besten Eidgenossen, oder diejenigen, die sich gerne als solche gerieren, offensichtlich nicht wissen, dass die von ihnen vielzitierte Neutralit\u00e4t ein Ergebnis des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts ist und mitnichten eine des B\u00fcndnisses von 1291. Die vielen anderen Vorz\u00fcge, die uns der Epochenwechsel von 1815 und als zwangsl\u00e4ufige Entwicklung 1848 gebracht hat, lasse ich hier beiseite.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Es kriecht ein ungutes Gef\u00fchl in mir hoch, wenn lese, dass die zweifelsohne bestehende Unkenntnis der Geschichte (allerdings nicht nur der schweizerischen) am fehlenden Bewusstsein des Mythos von 1291 festgemacht wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn der &#8218;War on terror&#8216; nahezu vollst\u00e4ndig von Corona und Ukraine\/Russland verdr\u00e4ngt worden ist, besteht kein Zweifel daran, dass die Verschw\u00f6rer der 3 Urkantone heute als Terroristen angesehen werden w\u00fcrden. <\/p>\n\n\n\n<p>Darf man sich denn f\u00fcr die Gute Sache auf Terroristen berufen? <\/p>\n\n\n\n<p>Peter Ustinov meinte einst:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Terrorismus ist der Krieg der Armen und der Krieg ist der Terrorismus der Reichen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hielte man sich als Referenz an die Schillersche Erz\u00e4hlung von Wilhelm Tell, unabh\u00e4ngig von deren Wahrheitsgehalt, d\u00fcrfte man gerechtfertigerweise schlussfolgern, dass der Terror jener Verschw\u00f6rer gegen die totalit\u00e4re Knechtschaft fremder M\u00e4chte, die sich erdreisteten, noch das letzte Weizenkorn als Tribut von den Geknechteten einzufordern, v\u00f6llig legitim gewesen sein muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Es besteht also kein Zweifel daran, dass dieser Terror, oder eher diese Rebellion gegen die Obrigkeit erfolgreich gewesen war. Trotzdem muss man bekennen, dass auch danach die dunklen Wolken des Mittelalters, mit all seinen Plagen, \u00fcber der Urschweiz liegen geblieben ist. Egal wie sehr heute in medievalen Festen diese Epoche fr\u00f6hlich zelebriert wird, fr\u00f6hlich d\u00fcrften die wenigsten Menschen jener Zeit gewesen sein; denn ob nun Hunger, Pest oder Cholera, es gab mehr als genug, woran man kranken und auch sterben konnte, und dazu meist schon in jungen Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aufrichtigkeit geb\u00f6te es also, mehr Geschichtsbewusstsein f\u00fcr die Epoche nach 1848 zu entwickeln; denn alles, was die Schweiz heute ist, egal wieviel davon w\u00e4hrend des neoliberalen Kahlschlags der letzten 40 Jahre bereits zerst\u00f6rt worden ist, wurde als Grundstein in jenem Jahr gelegt. <\/p>\n\n\n\n<p>Oder erw\u00e4hnten die Schweizer Urv\u00e4ter in ihrem R\u00fctlischwur so etwas wie AHV, Gesundheitsf\u00fcrsorge oder die weitestgehende Sicherheit, t\u00e4glich etwas zu essen auf dem Teller zu haben?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Krieg in Europa. Hat man in letzter Zeit \u00f6fter geh\u00f6rt, nicht? 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