{"id":411,"date":"2023-08-03T12:08:23","date_gmt":"2023-08-03T10:08:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/?p=411"},"modified":"2023-08-03T12:15:32","modified_gmt":"2023-08-03T10:15:32","slug":"aller-retour","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/index.php\/2023\/08\/03\/aller-retour\/","title":{"rendered":"Aller-retour"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Einblick ins Leben anderer Leute bietet oft einen ebensolchen Einblick in deren Inneres.<\/p>\n\n\n\n<p>Man mag von \u00fcberf\u00fcllten Wohnungen oder anderen R\u00e4umlichkeiten, in denen sich Mensch so aufh\u00e4lt, halten was man will. F\u00fcr mich steht allerdings unzweifelhaft fest, dass diejenigen unter meinen Artgenossen, welche ihr Leben auf ein Bett, eine Couch, ein Stuhl, einen Tisch und eine ansonsten leere Wohnung reduziert haben, in sich selbst \u00e4hnlich leer sind wie ihre physischen Habitate.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber k\u00f6nnte man nun endlos schwadronieren. Allerdings zielt dieser Gedanke, der mich gerade befallen hat, in eine andere Richtung. N\u00e4mlich in die der Ruhelosigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine interessante, verd\u00e4chtige H\u00e4ufung an Verhaltensweisen besagter Menschen betrifft ihre Rastlosigkeit. Die panische Angst, irgendwann einmal pl\u00f6tzlich ganz alleine mit der Welt in ihrem Kopf zu sein, treibt sie in st\u00e4ndiger Unruhe von einem Ort, von einem Event zum anderen. Alleinsein unm\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum f\u00e4llt mir das gerade jetzt wieder auf?<\/p>\n\n\n\n<p>Weil ich mir mittlerweilen \u00e4hnliche Verhaltensmuster angew\u00f6hnt habe. &#8218;Angew\u00f6hnt&#8216; trifft nicht zu. Es ist ein Ergebnis der Sachzw\u00e4nge meiner pers\u00f6nlichen Verh\u00e4ltnisse und den anderen Akteuren, denen ich dummerweise so viel Raum in meinem Leben einger\u00e4umt habe, dass ich sie inzwischen nicht nur nicht mehr aus meinem Leben rauskriege, vielmehr haben sie mein Leben gleich ganz gekapert. Ich bin zum Spielball anderer geworden. Was bleibt, ist Coping, die Exit-Strategie fehlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu mag ich mich aber gerade nicht auslassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielmehr stelle ich wie gesagt mit Schrecken fest, dass ich, wenn auch auf meine eigene Art, st\u00e4ndig in Bewegung bin. Die Angst vor den rasenden Gedanken im Kopf, l\u00e4sst sich kaum noch b\u00e4ndigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Unterschied zu fr\u00fcher ist einzig eine Verschiebung der Inhalte. <\/p>\n\n\n\n<p>Gedankenflucht kenne ich shcon mein ganzes Leben lang. Die meiste Zeit hin\u00fcber waren diese Gedanken freilich wenig diffenziert. Es war mehr ein Kn\u00e4uel non-kausal zusammenh\u00e4ngender Gedankenf\u00e4den.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcblicherweise wird das unter dem Begriff &#8218;fruchtloses Gr\u00fcbeln&#8216; subsummiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Wort &#8218;fruchtlos&#8216; kommt mir heute allerdings schon fast als Euphemismus vor; denn wie sch\u00f6n waren im Vergleich zu heute diese fruchtlosen Dinge. Die Gedanken sind frei, sie d\u00fcrfen fruchtlos, sie d\u00fcrfen Selbstzweck bleiben. Das richtungslose vor sich her Gr\u00fcbeln, vor sich her Dissoziieren, warum auch nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Heute muss ich zwangsl\u00e4ufig feststellen, dass ich in einer soliden Pathologie stecke. Diese wiederum ist nun die Frucht der fruchtlosen Zeiten zuvor. Die Entwicklung der letzten 3,5 Jahre ist in letzter Konsequenz das Ergebnis der weitestgehenden Fruchtlosigkeit meines Lebens. Verpasst man im Leben die letzte Ausfahrt, wird die Strasse desselben entweder in einer Sackgasse oder im Abgrund enden. <\/p>\n\n\n\n<p>Bisher waren es immer die Sackgassen, mittlerweilen sehe ich mich eher mit H\u00f6chstgeschwindigkeit auf den Abgrund zubrettern. Im Unterschied zu fr\u00fcher, bin ich hingegen heute kaum mehr als der Beifahrer, mit mindergrossem Einfluss auf das Fahrgeschehen. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer Sackgasse gibt es immer noch ein Zur\u00fcck; man f\u00e4hrt rein, bemerkt, dass man sich get\u00e4uscht hat und f\u00e4hrt wieder retour. Dem Abgrund entgegen sieht dies doch g\u00e4nzlich anders aus. Die Fahrt in den Abgrund ist die in eine Sackgasse ohne R\u00fcckfahrm\u00f6glichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Einst dachte ich, es sei schlimm, wenn man Gedanken w\u00e4lzte, die keine klare Ursache und keine erkennbare Richtung haben. Die Ambivalenz zwischen mehreren verschiedenen, nur unzureichend verstehbaren Zust\u00e4nden war unertr\u00e4glich. <\/p>\n\n\n\n<p>Indifferente Zust\u00e4nde sind weder das eine, noch das andere, kein Fleisch, kein Fisch. Bei objektiver Betrachtung haben sie den Vorteil, dass sie alles und nichts sein k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Indifferenz ist Zeitgeist. Zwischen allem und nichts herumgondeln, erlaubt einem ein Leben ohne Festlegung, ohne Definition, ohne Form und Farbe. Ein Mensch ohne Eigenschaften zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass genau daran die meisten Menschen, die irgendwann den Kompass zur erfolgreichen Navigation durchs Leben verlieren, zu zerbrechen drohen.<\/p>\n\n\n\n<p>Konfrontiert mit der inneren Leere, der Sinnlosigkeit der eigenen Existenz, bricht alles zusammen. Und anstelle von gesellschaftskonformer Ordnung und Struktur, kommt die grosse Leere, die nach der Implosion des Selbst \u00fcbrigbleibt. Jeder f\u00fchlt sich schlecht, und niemand weiss warum.  Sich schlecht zu f\u00fchlen ohne zu wissen, weswegen, erscheint einem schnell als die eigentliche Qual der menschlichen Existenz. Zumindest solange man es nicht schafft, sich seine eigenen Sinnfragen selber zu beantworten. Sinnfragen zu beantworten, ist ein st\u00e4ndiges Aller-retour. <\/p>\n\n\n\n<p>Hingegen sich schlecht zu f\u00fchlen, weil man genau weiss, weswegen man sich so und eben nicht v\u00f6llig anders f\u00fchlt &#8211; das ist die wahre Qual. Sachzw\u00e4nge, vor denen es kein Entrinnen gibt, sind nicht selten die Fahrkarte, ohne R\u00fcckreiseoption in den Abgrund.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Einblick ins Leben anderer Leute bietet oft einen ebensolchen Einblick in deren Inneres. Man mag von \u00fcberf\u00fcllten Wohnungen oder anderen R\u00e4umlichkeiten, in denen sich Mensch so aufh\u00e4lt, halten was man will. 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