{"id":460,"date":"2023-08-08T22:07:31","date_gmt":"2023-08-08T20:07:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/?p=460"},"modified":"2023-09-17T00:28:15","modified_gmt":"2023-09-16T22:28:15","slug":"zerfallende-werte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/index.php\/2023\/08\/08\/zerfallende-werte\/","title":{"rendered":"Zerfallen(d)e Werte"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer heute bei noch halbwegs klarem Verstand, sofern man diesen \u00fcberhaupt bewahren konnte, einen Blick ins Tagesgeschehen, oder vielmehr in die Berichterstattung dar\u00fcber wirft, kommt kaum noch aus dem Staunen heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Selten gab es derart klare Definitionen davon, was gut und was b\u00f6se ist, was schwarz oder weiss. Selbst vor Bekundungen zu v\u00f6llig subjektiven Betrachtungen, ob nun etwa dieses herbstartige Wetter f\u00fcr Anfang August zu kalt oder doch eher angenehm ist, muss man unter Umst\u00e4nden schnell zur\u00fcckschrecken, sofern man nicht einen Kopf k\u00fcrzer gemacht werden will.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir ist es ganz klar zu kalt f\u00fcr August. Das nur nebenbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein menschliches Paradoxon, welches immer wieder in unterschiedlichen Ausformungen, aber jeweils mit derselben Vehemenz und Impertinenz auftritt, ist, immer dann am lautesten nach Werten, Anstand und Moral zu schreien, wenn gleichzeitig alle fleissig damit besch\u00e4ftigt sind, sich ebenjenen gerade zu entledigen, weil sie meist den eigenen Absichten im Wege stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Je lauter jemand schreit, desto mehr Aufmerksamkeit lenkt derjenige von sich selbst auf die anderen und kann somit ungest\u00f6rter seinem Frevel fr\u00f6hnen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber Umwege bin ich heute in einem Arztgespr\u00e4ch irgendwann bei meiner Schulzeit gelandet. Bei der Feststellung, dass diese Schule sich nicht nur, bar jeglicher Realit\u00e4t, als eine Art Eliteschmiede verstanden hat, sondern, was durchaus auch paradox ist, sich einerseits auf eine Abart von milit\u00e4rischem Drill festgefahren hatet, andererseits es dennoch schaffte, zumindest uns als der &#8218;zuk\u00fcnftigen Elite&#8216; und zu jener Zeit Mitte der 1990er, humanistische Werte hochzuhalten und entsprechend zu vermitteln.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Haltet den Dieb!<\/h2>\n\n\n\n<p>R\u00fcckblickend denke ich, dass wir einer der letzten Jahrg\u00e4nge waren, nicht nur in jener Schule, sondern im gesamten schweizerischen Schulsystem, die noch einen solchen Wertekanon mit auf den Lebensweg gekriegt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Enttarndend war jedoch schon damals die Hybris eines Grossteil der Lehrerschaft. F\u00fcr uns als Sch\u00fcler geziemte es sich nicht, mit den H\u00e4nden in der Hosentasche rumzustehen und so einem Lehrer gegen\u00fcber zu treten. Damit konnte man sich schnell einen harschen Tadel, gerade des chronisch cholerischen Rektors holen. <\/p>\n\n\n\n<p>Gewiss waren uns Sch\u00fclern aber auch Geschichten aus dem Privatleben der Lehrerschaft zu Ohren gekommen. Wie eben in der Schweiz fast alles nach einer Form von Milizprinzip funktioniert, schickten, zumindest damals noch, Lehrer ihre Kinder mitnichten in irgendwelche private Kaderschmieden, sondern mit dem P\u00f6bel in die Klassen \u00f6ffentlicher Schulen. F\u00fcr Zutr\u00e4ger aus der verborgenen Sph\u00e4re der Lehrenden war also gesorgt.<\/p>\n\n\n\n<p>So war es unter uns bekannt, dass einer der strengsten Moralh\u00fcter der Schule, einer, der sich keine Gelegenheit entgehen liess, uns an seinen &#8218;hohen&#8216; moralischen Ans\u00e4tze zu messen und uns dann regelm\u00e4ssig zur Schnecke zu machen, im Privatleben &#8211; wer h\u00e4tte das gedacht &#8211; seine eigene Frau mit seiner Pedanterie in die Psychiatrie getrieben hatte. Im Nebensatz wurde dann noch hinzugef\u00fcgt, dass man auch ihn des \u00f6fteren mit wechselnden Frauen im \u00f6ffentlichen Raum sichten kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Nietzsches &#8218;Menschliches, Allzumenschliches&#8216; muss einem dabei zwangsl\u00e4ufig in den Sinn kommen, wobei ich f\u00fcr mich selbst den Widerspruch zwischen dem hohen moralischen Anspruch, gerade dem gegen\u00fcber den Mitmenschen, und der eigenen Unf\u00e4higkeit, diesen Anspruch an sich selbst zu stellen, geschweige denn erf\u00fcllen zu wollen oder zu k\u00f6nnen, auf keine Art in Kongruenz bringen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ne sutor supra crepidam! m\u00f6chte ich Plinius der \u00c4ltere zitieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das k\u00f6nnte man derzeit auch all den Gralsh\u00fctern der richtigen Haltung, der richtigen Moral anraten. Das w\u00e4re allerdings vergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun k\u00f6nnte einem das egal sein. Jakob Bidermanns Cenodoxus wurde schon vor \u00fcber 400 Jahren von allen bewundert. Nat\u00fcrlich bewunderte er sich selbst am meisten. Wie es eben so ist, wenn man der Nabelschau fr\u00f6hnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie gesagt: es k\u00f6nnte einem egal sein. Ist es aber nicht. Immer weniger. Und schon gar nicht mehr mir. Nicht nach den letzten 4 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Corona, Krieg und Kind<\/h2>\n\n\n\n<p>Zu den beiden ersteren ist bereits viel gesagt worden. <\/p>\n\n\n\n<p>Beim Krieg kann ich noch sagen: tangiert mich nicht. Und wenn schlimmstenfalls dann doch, wird von dieser Welt als ganzes nicht mehr viel \u00fcbrig bleiben; und die (\u00dcber)Lebenden werden die Toten beneiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Virus hingegen, hat mich eine Woche mit Fieber und Husten aufs Sofa katapultiert, hat hingegen nachhaltig mein Vertrauen in alle staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen ersch\u00fcttert, sowie die moralinsaure Rabulistik der Massnahmen-Verantwortlichen derart ihres vorgeblich wertegelenkten Handelns entkleidet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer 40 Jahre st\u00e4ndig als Mittel zum Zweck an die niederen Instinkte appeliert, wer sagt, jeder sei alleine seines Gl\u00fcckes Schmied oder gar &#8218;There&#8217;s no such thing as society&#8216; &#8211; der hat jegliche Glaubw\u00fcrdigkeit verspielt und darf sich nicht wundern, wenn nun Appelle an die Solidarit\u00e4t der Menschen untereinander nichts weiter als Verwunderung ausl\u00f6sen. Was man nie erworben hat, kann man auch nie angewenden. In einer Gesellschaft von ethisch-moralischen Analphabeten ist nicht nur vergebene M\u00fche, Werte und damit verbundene F\u00e4higkeiten einzufordern, die nie vermittelt worden sind, nein, es ist vielmehr an Niedertr\u00e4chtigkeit nicht mehr zu \u00fcberbieten. <\/p>\n\n\n\n<p>Gut, soweit meine Wutrede. Der Blick vom Makrokosmos zur\u00fcck in den Mikrokosmos meines Lebens<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann kam dieses Kind. Oder sagen wir eher, sein Vater kam wieder einmal daher gekrochen, erinnerte sich pl\u00f6tzlich wieder, dass er irgendwann einmal bei (m)einer Frau seinen Samen deponiert hatte und nun etwas daraus entstanden ist, was ihm zwar bestens bekannt, aber die ganze Zeit hinweg nicht so wichtig war, als dass der gn\u00e4d&#8217;ge Herr sich gen\u00f6tigt gesehen h\u00e4tte, ausser den Rechten einzufordern auch den Pflichten nachzukommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich war bekanntlich so zuvorkommend, an Kindes Statt allen Verpflichtungen gerecht zu werden und mich im Umkehrschluss dann doch nur mit Brosamen abspeisen zu lassen. Dass es irgendwann schliesslich nicht mehr nach Kopf des Herren ging, versteht sich f\u00fcr jeden Menschen, der sich halbwegs noch seines Verstandes bedienen kann, wie von selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie kafkaesk war dann hingegen mein b\u00f6ses Erwachen an jenem kalten Morgen anfangs M\u00e4rz, als ich Zeugnis \u00fcber mein Engagement abzulegen hatte. Mich erkl\u00e4ren musste, warum ich das gemacht habe, was ein Mensch, der seinen moralischen Kompass zumindest noch ein wenig pflegt und korrekt geeicht hat, notwendigerweise tun muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist der Rigorismus dieses Menschen, der ihm keine andere Wahl l\u00e4sst, als das moralisch Richtige zu tun; denn es gibt kein Deutung dessen, was Menschlichkeit wirklich ist. Um einmal mehr mit Adorno zu sprechen &#8211; es gibt kein richtiges Leben im falschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dennoch (gilt jeweils auch vice versa):<\/p>\n\n\n\n<p>Opfer werden zu T\u00e4tern gemacht. <\/p>\n\n\n\n<p>Menschlichkeit wird zum egoistischen Motiv umgedeutet. <\/p>\n\n\n\n<p>Und Krieg ist in Wahrheit Frieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies sind die wahren, f\u00fcr jedermann offenbaren Bekenntnisse einer Gesellschaft, die sich selbst die moralische Bankrotterkl\u00e4rung ausgestellt hat und sich dennoch weiter im selbstgerechten Morast suhlt.  <\/p>\n\n\n\n<p>Da kann man nicht so viel fressen, wie man k&#8230;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer heute bei noch halbwegs klarem Verstand, sofern man diesen \u00fcberhaupt bewahren konnte, einen Blick ins Tagesgeschehen, oder vielmehr in die Berichterstattung dar\u00fcber wirft, kommt kaum noch aus dem Staunen heraus. Selten gab es derart klare Definitionen davon, was gut und was b\u00f6se ist, was schwarz oder weiss. Selbst vor&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[27],"class_list":["post-460","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-der_taegliche_wahnsinn","tag-politik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/460","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=460"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/460\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":627,"href":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/460\/revisions\/627"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=460"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=460"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=460"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}