{"id":485,"date":"2023-09-01T23:58:07","date_gmt":"2023-09-01T21:58:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/?p=485"},"modified":"2023-09-01T23:59:02","modified_gmt":"2023-09-01T21:59:02","slug":"20-jahre-30-jahre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/index.php\/2023\/09\/01\/20-jahre-30-jahre\/","title":{"rendered":"20 Jahre, 30 Jahre"},"content":{"rendered":"\n<p>Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht bei den Neulandrebellen reinschaue.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade mit Roberto de Lapuente f\u00fchle ich mich auf eine Art geistig verbunden, die f\u00fcr mich ungew\u00f6hnlich ist, da ein bestimmendes Gef\u00fchl meines gesamten Lebens das ist, dass ich mich \u00fcberwiegend von den Menschen unfreiwillig distanziert und entfremdet f\u00fchle.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch heute hat Roberto wieder geschrieben, ein <a href=\"https:\/\/www.neulandrebellen.de\/2023\/09\/30-jahre-spaeter\/\">Text<\/a>, der bei mir viel losgetreten hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich vermute, wir sind beide +\/- derselbe Jahrgang, also um das Jahr 1978.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Blick 30 Jahre zur\u00fcck zeigt unglaublich viele Parallelen mit Robertos Schilderungen, aber dann auch wieder ebenso riesigen Diskrepanzen.<\/p>\n\n\n\n<p>So sehr vertraut ist auch mir das Gelaber der Erwachsenen \u00fcber den Ernst des Lebens, der dereinst uns M\u00f6chtegerne ebenso erfassen wird wie er alle Generationen vor uns irgendwann einmal schon in den Sack gepackt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch meine Krankheiten und die vielen, langen Krankenhausaufenthalte schob sich bei mir die Frage nach meiner Zukunftsgestaltung l\u00e4nger hinaus als bei Roberto. 1993, also mit 15 war ich r\u00fcckblickend alleine mit der Fragestellung, wie denn die eigene Zukunft zumindest &#8217;so in etwa&#8216; aussehen k\u00f6nnte, v\u00f6llig \u00fcberfordert. Konkrete Entscheidungen zu treffen, wie der Rest des Lebens dann fortan auszusehen h\u00e4tte, w\u00e4ren unvollstellbar gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade in Anbetracht meiner Herkunft als Arbeiterkind und meinen Eltern als &#8211; meiner naiven Empfindung nach &#8211; schlechtes Vorbild, war der Gedanke, mit 15-16 eine, f\u00fcr alle Zeiten g\u00fcltige Entscheidung treffen zu m\u00fcssen, die in der Folge den Rest meines Lebens abschliessend definieren w\u00fcrde, eine regelrechte Horrorvision.<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts war f\u00fcr mich schlimmer als der Gedanke, beruflich wie meine Eltern zu enden, also 40 Jahre und mehr immer dasselbe tun zu m\u00fcssen, weil einem eben nichts weiter zur Verf\u00fcgung steht als seine Arbeitskraft, die man somit zwangsl\u00e4ufig  zu Markte tragen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich war die Realit\u00e4t Mitte-Ende 90er bereits die, dass Berufsbiographien wie die unserer Elterngeneration, n\u00e4mlich 40 Jahre im selben Berufsfeld, vielleicht sogar am selben Arbeitsplatz von der Realit\u00e4t des superfluiden, amorphen Einzelk\u00e4mpfers der neoliberalen Epoche l\u00e4ngst \u00fcberholt worden waren. Dass die Aufrichtigkeit seitens der Eltern wie auch der Lehrerschaft gegen\u00fcber ihren Kindern und Sch\u00fclern nicht gegeben war, sei nur nebenbei erw\u00e4hnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Unabh\u00e4ngig davon, was noch von der alten Arbeitswelt \u00fcbrig geblieben war, wollte ich dort unter keinen Umst\u00e4nden hin. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Jugendliche Arroganz<\/h2>\n\n\n\n<p>Dazu muss ich heute auch einr\u00e4umen, dass ich damals von einer unglaublichen \u00dcberheblichkeit getrieben war, der Vorstellung, ich sei eben etwas Besseres als bloss dieses Arbeiterkind, welches zwar \u00fcber enorme Begabungen und eine hohe Intelligenz verf\u00fcgt, andererseits aber dennoch rundherum auf eine sublime Art von allen verachtet wird &#8211; zugegebenermassen weniger aufgrund seiner Herkunft als vielmehr aufgrund seiner charakterlichen Eigenschaften als aufm\u00fcpfiges, verhaltensauff\u00e4lliges Kind.<\/p>\n\n\n\n<p>Verst\u00e4rkend kam dazu, dass ich gerade aufgrund meiner schulischen Begabungen &#8211; wohlverstanden der kognitiv-intellektuellen F\u00e4higkeiten, nicht der sozialen (in Wahrheit g\u00e4nzlich fehlenden) Kompetenzen wegen &#8211; irgendwann in einem sehr elit\u00e4ren Bildungsmilieu gelandet war, welches uns dumm-naive Heranwachsende, wider jede Vernunft, als eine Art zuk\u00fcnftige F\u00fchrungselite des Landes bezeichnete. Welches Kind, welcher pubertierende Teenie f\u00fchlt sich bei solchen Ank\u00fcndigungen nicht in seinem hormongetriebenden Narzissmus best\u00e4tigt. Die Welt, nein, das gesamte Universum dreht sich dann noch einen Zacken schneller um seinen eigenen Mittelpunkt, n\u00e4mlich diesen pubert\u00e4ren Dummkopf, der glaubt, alles zu wissen, alles zu k\u00f6nnen, zwar in jederlei Beziehung v\u00f6llig selbstunsicher, aber eben dennoch mit einem aufgeblasenen Ego.<\/p>\n\n\n\n<p>  Der Geist des Neoliberalismus war damals, mitte der 1990er bereits v\u00f6llig entfesselt und die Slogans jener Tage, auch bereits bei uns Volkssch\u00fclern war, dass man alles im Leben erreichen kann, wenn man sich nur gen\u00fcgend anstrenge.<\/p>\n\n\n\n<p>Kameraden waren wir Sch\u00fcler untereinander schon lange nicht mehr, ich selbst ohnehin nie, ich wiederhole: st\u00e4ndiges Gef\u00fchl der Entfremdung.<br>Jeder stand mit jedem anderen in Konkurrenz. Jeder Mitsch\u00fcler konnte einem eine hochwertige Ausbildungsstelle oder einen Stuhl in einer weiterf\u00fchrenden Schule streitig machen; denn trotz unseres Alters und der pubert\u00e4ren Naivit\u00e4t wussten wir alle sehr genau, wider alle anderslautenden Verheissungen, in einer Welt der beschr\u00e4nkten M\u00f6glichkeiten zu leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ressourcen sind nicht erst seit Corona, Inflation, Energiekrise, Klima- und anderen (Schein)Krisen beschr\u00e4nkt. Sie waren schon damals beschr\u00e4nkt. Die weiterf\u00fchrenden Schulen, Gymnasien wie auch berufsbildende Mittelschulen platzten aus allen N\u00e4hten. Notd\u00fcrftig wurden Baucontainer als Schulzimmer hergerichtet, um die Engp\u00e4sse in den vorhandenen Geb\u00e4uden zu kompensieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Das alles war bekannt und der Wettbewerb zwischen uns Sch\u00fclern wurde mit dem elit\u00e4ren D\u00fcnkel, der uns in die K\u00f6pfe geh\u00e4mmert worden war, weiter versch\u00e4rft. Nach jeder Pr\u00fcfung verglich man seine Benotungen mit denen der Mitsch\u00fcler. Jeder wollte der oder die Beste sein. Niemand war mehr mit irgendetwas zufrieden, schon gar nicht mit Mittelmass, obwohl es bekanntlich nicht nur immer Sch\u00fcler im Mittelmass, sondern auch schlechte Sch\u00fcler geben muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Freilich wollte niemand dort rangieren, weswegen man ranklotzen musste, egal wie, egal um welchen Preis, und sei es mit dem Verzicht auf alle m\u00f6glichen Freizeitaktivit\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun war lernen f\u00fcr mich keine besondere Herausforderung, sondern eher ein Selbstl\u00e4ufer. Ranklotzen in meinem Fall bedeutete also der Aufstieg in die Gruppe der sehr guten Sch\u00fcler, obwohl es auch dann nie genug war. Eine 5 war nicht hinnehmbar. Es musste eine 5,5 oder gar eine 6 sein, mit weniger war ich nie zufrieden. Gelang es nicht, meine Erwartungen an mich selbst zu erf\u00fcllen, gab es Selbstkasteiung, selbst auferlegter Verzicht auf alles, was noch einen Ausgleich zum Pauken geboten h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Teufelskreis beginnt<\/h2>\n\n\n\n<p> Zugegeben habe ich mir trotz selbstauferlegtem Z\u00fcchtigungsregime gewisse Freiheiten eingestanden. Mit Freunden abends rumh\u00e4ngen, liess ich mir nicht nehmen. Dort geb\u00e4rdete ich mich bewusst als Underdog, was ich aufgrund der Umst\u00e4nde, die sich wider allen Bem\u00fchungen, zu einer wie auch immer gearteten Elite zu geh\u00f6ren, gewiss auch war; denn ich geh\u00f6rte nicht dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab auch in unserer Klasse andere Arbeiterkinder, sogar ganz wenige aus dem Pr\u00e4kariat. Diese wurden in dem Sinne nicht gerade diskriminiert oder gar ge\u00e4chtet, standen aber dennoch in der verstecktgehaltenen, internen Hackordnung hinter den Kindern aus \u00c4rztefamilien, Beamten und leitenden Angestellten zur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p>Da ich Schm\u00e4hung seit fr\u00fchester Kindheit am eigenen Leib erfahren hatte, war dies besonders schmerzhaft und weitere Ansporn, dazu geh\u00f6ren zu wollen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu was eigentlich?<\/p>\n\n\n\n<p>R\u00fcckblickend kann ich dies nicht genau eingrenzen. Sicherlich war die Zugeh\u00f6rigkeit zu den Klassenbesten das allerwichtigste, schliesslich hing davon auch die eigene Zukunft massgeblich ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohnehin war meine Strategie seit meinem Eintritt in das System Schule 1984 jene, die besagten pers\u00f6nlichen Defizite in Bezug auf soziale Kompetenzen mit intellektuellen Leistungen aufwiegen, kompensieren zu wollen. Wie fatal solche Techniken sind, und dass diese sogar eine psychopathlogische Terminologie haben, musste ich erst viel sp\u00e4ter schmerzhaft erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Teufelskreis, der mir sp\u00e4ter das Genick auf dem Weg zu beruflichem Erfolg und gesellschaftlicher Anerkennung brechen w\u00fcrde, habe ich also bereits in jungen Jahren unbemerkt losgetreten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Von Trauma zu Trauma<\/h2>\n\n\n\n<p>In unserer, derart gepr\u00e4gten Bildungswelt kommt man gewiss eher noch als Sch\u00fcler mit schlechten schulischen Leistungen durch als als einer mit sozialen Defiziten.<\/p>\n\n\n\n<p>Was je l\u00e4nger, je mehr paradox wirkt; denn niemand k\u00f6nnte heute angesichts all der Verwerfungen der letzten Jahre, massgeblich verursacht von der politischen und wirtschaftlichen F\u00fchrungselite unserer abendl\u00e4ndisch gepr\u00e4gten L\u00e4nder, noch behaupten, es g\u00e4be so etwas wie eine funktionelle Sozialit\u00e4t. Was man mir seit jeher angelastet hat &#8211; soziale Inkompetenz, aufr\u00fchrerisches, st\u00f6rendes Verhalten bis hin zum implizierten Vorwurf der Psychopathie &#8211; ist mittlerweilen bittere, t\u00e4gliche Realit\u00e4t geworden. Die allgemeine Emp\u00f6rung ob dieser Zust\u00e4nde bleibt aus, w\u00e4hrend selbige im Partikul\u00e4ren, auf der Ebene des Individuums, etwa eines verhaltensauff\u00e4lligen Sch\u00fclers st\u00e4ndig neue H\u00f6hepunkte in Bezug auf Niedertr\u00e4chtigkeit gegen\u00fcber dem jeweiligen Individuum erreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun kann ich nicht sagen, ich h\u00e4tte allein eine Traumafolgest\u00f6rung aufgrund dieser selbstzerst\u00f6rerischen Schulzeit, diesem zu guter Letzt \u00fcber 13 Jahre dauernden Oddysee, dem st\u00e4ndigen \u00dcberlebenskampf, der allgegenw\u00e4rtig dr\u00e4uenden Gefahr, zwischen Verachtung und Schm\u00e4hung durch die Aussenstehenden einerseits und dem eigenen Leistungesanspruch andererseits zerschmettert zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass ich bereits zuvor zerschmettert worden, an den inneren Widerspr\u00fcchen meines \u00dcberlebenskonzepts zerbrochen war, wurde mir schliesslich irgendwann, zu sp\u00e4t bewusst, um noch umsteuern zu k\u00f6nnen. Sich selbst in die Tasche zu l\u00fcgen, mag ein solches \u00dcberlebenskonzept sein, aber wie mit allen anderen derartigen Konzepten auch gilt die alte Weisheit &#8218;Wenn du bemerkst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab&#8216; <\/p>\n\n\n\n<p>Einfach so weiter zu machen, als ob nichts gewesen w\u00e4re, ist naiv bis dumm, jedenfalls dann, wenn es wider besseren Wissens geschieht, was ich in meinem Fall nicht verleugnen kann; denn die Baustellen, die Ursachen f\u00fcr das Geschehene waren erkennbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Entschuldigen wir es einmal mit tardivem Erwachsenwerden, wobei ich in dieser Frage zugeben muss, sp\u00e4testens kurz vor meinem 25. Geburtstag zur Erkenntnis gelangt zu sein, nun meine Kindheit und Jugend hinter mir gelassen zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings musste ich mittlerweilen weit \u00fcber 40 werden um zu erkennen, dass man ewig vor seinen eigenen D\u00e4monen davonrennen kann, ohne diese H\u00e4scher jemals abh\u00e4ngen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>So gesehen ist zumindest dies heute Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">eher 20 als 30 Jahre<\/h2>\n\n\n\n<p> M\u00f6glicherweise ist dies unter dem Eindruck der Geschehnisse der letzten 3,5 Jahre erfolgt, wenn ich sage, dass das, was vor 30 Jahren war, heute nicht mehr relevant ist. Der Ernst des Lebens hat entweder bereits vor dem Alter von 14-15 begonnen oder danach \u00fcberhaupt gar nie.  Aus meiner eigenen Perspektive betrachtet war und ist das Leben immer ernst bis todernst. Je nach pers\u00f6nlicher Pr\u00e4ferenz mag es eher eine &#8218;das Glas ist halb voll bzw. halb leer&#8216; Frage.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Glas hingegen war immer schon halb leer, zwangsl\u00e4ufig seit Geburt, da mir alleine gesundheitlich der Start ins Leben nicht gerade einfach gestaltet worden war. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich mag und kann mich allerdings nicht erfolgreich mit Schicksal aus gef\u00fchlter eigener Unf\u00e4higkeit herausreden, selbst wenn es von aussen betrachtet durchaus gerechtfertigt w\u00e4re. <\/p>\n\n\n\n<p>Nebst der dummen Phrase vom irgendwann beginnenden Ernst des Lebens, war eine weitere, \u00e4hnlich gelagerte Phrase die, dass man sich nicht st\u00e4ndig mit einer schweren Kindheit oder Jugend aus allem herausreden soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich betreffend habe ich bis heute keine abschliessende Beurteilung vorgenommen, ob ich diesen Versuch je gemacht habe, ihn machen m\u00f6chte oder ihn in Zukunft noch in Betracht ziehen w\u00fcrde. Gef\u00fchlt und aufgrund meiner Pr\u00e4gung und den mir vermittelten Werten, scheint es mir zu billig, mich dergestalt aus meiner eigenen Verantwortung herausreden zu wollen, selbst dann, wenn ich unzweifelhaft erkennen muss, wie widrig die Umst\u00e4nde in meinem Leben leider oft waren, und dass ich vielleicht wirklich gar nie eine reelle Chance hatte, im Leben auf die Art und Weise erfolgreich zu sein, wie ich es mir gew\u00fcnscht und ertr\u00e4umt hatte. Tr\u00e4ume sind Sch\u00e4ume &#8211; eine wirklich ern\u00fcchternde Erkenntnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier muss ich gewiss einr\u00e4umen, dass mir meine naiven, pubert\u00e4ren Tr\u00e4ume von vor 30 Jahren heute allerdings herzlich egal sind. Der 15-J\u00e4hrige von damals hat sich mit seinem Schicksal abgefunden &#8211; vielleicht zu einem gewissen Grad sogar vers\u00f6hnt, was mir bei einer Klassenzusammenkunft 2019 bewusst geworden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erinnerungen und Spuren der letzten 20 Jahre hingegen sind nur schwer auszuhalten. Zu sehr wurde diese Zeit durch I. und ihr Verhalten w\u00e4hrend der letzten 3-4 Jahre entwertet. Selbst die Jahre vor ihrem Eintritt in mein Leben sind auf diese Weise entwertet worden, dass ihnen heute nichts Positives, nichts Sch\u00f6nes mehr abzugewinnen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich exemplarisch an mir selbst durch meine eigene Auseinandersetzung mit Psychotraumata gelernt habe, ist die Erkenntnis, dass die meisten Traumabetroffenen polytraumatisiert sind. Monotraumata sind eine Ausnahme, meist das Ergebnis eines singul\u00e4ren Ereignisses wie einem Unfall. Wer einmal ein Trauma erlitten hat, wird allerdings immer gef\u00e4hrdet sein, weitere zu erleiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ich gerade bemerke, str\u00e4ubt sich in mir etwas, weswegen ich mich hier aber nicht weiter dar\u00fcber auslassen mag.<\/p>\n\n\n\n<p>Abschliessen stelle ich fest, dass dies hier der Versuch einer Apologie ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Streiten wir uns dar\u00fcber, ob man sich f\u00fcr die Fauxpas seiner Kindheit und Jugend sch\u00e4men oder entschuldigen muss, ich weiss es nicht. Bei mir sind beide Gef\u00fchle pr\u00e4sent, Scham und Schuld &#8211; auch etwas, was der traumatischen Natur entspringt &#8211; sich st\u00e4ndig zu sch\u00e4men und schuldig zu f\u00fchlen, da wirkt keinerlei Coping effektiv genug gegen an.<\/p>\n\n\n\n<p>Vermutlich sch\u00e4me ich mich f\u00fcr diese \u00fcberhebliche Lebensauffassung jener Tage vor 30 Jahren, schuldig f\u00fchle ich mich hingegen kaum, da ich mir heute das Recht gew\u00e4hre, mich selbst als Getriebener dieser \u00e4usseren Umst\u00e4nde wahrzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlimm ist hingegen die Erkenntnis, dass im verlustbedingten Schmerz jener wirklich befreiten, befreienden und vorallem unschuldigen Tagen von vor 20 Jahren und sp\u00e4ter sich die S\u00fchne f\u00fcr jene jugendliche Anmassung manifestiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Andere Menschen sagen, sie h\u00e4tten keine Reue in Bezug auf ihre Vergangenheit. Ich hingegen habe diese Reue, und ich werde sie vermutlich auch nicht mehr los, egal wie sehr ich es versuche. Alle derartigen Versuche sind bisher erfolglos geblieben. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht bei den Neulandrebellen reinschaue. 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