{"id":55,"date":"2023-07-21T14:51:17","date_gmt":"2023-07-21T12:51:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/?p=55"},"modified":"2023-07-23T18:45:33","modified_gmt":"2023-07-23T16:45:33","slug":"fassungslos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/index.php\/2023\/07\/21\/fassungslos\/","title":{"rendered":"Fassungslos"},"content":{"rendered":"\n<p>Dieser Blog ist eigentlich so \u00fcberfl\u00fcssig wie viele, wenn nicht alle anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles wurde bereits tausende Male durchgekaut, es gibt nichts Neues mehr in dieser Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zu diesem ersten Post habe ich lange gez\u00f6gert, mir wieder und wieder die Frage gestellt:<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist der Sinn, schreiben zu wollen; wenn doch bereits alles gesagt worden ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Druck im Kessel hat in letzter Zeit massiv zugenommen, der Unmut \u00fcber die Welt, \u00fcber meine pers\u00f6nlichen Verh\u00e4ltnisse hat ein Ausmass erreicht, an dem weiter Schweigen einerseits nicht mehr m\u00f6glich ist, andererseits trotzdem die Sinnfrage weiterbesteht. <br>Die Frage, warum etwas tun, was m\u00fcssig, \u00fcberfl\u00fcssig, sinnlos ist.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Seit l\u00e4ngerem f\u00fchre ich einen mehr oder weniger heftigen Streit in einem Forum, in welchem ich vom normalen Partizipant zum Moderator, schliesslich zum Admin aufgestiegen bin; worauf ich in letzter Konsequenz selbst heute der formale &#8218;Besitzer&#8216; bin, indem ich das Forum als SQL-Datensatz auf meinem eigenen Server eingespielt habe, weil niemand anderes es mehr tun wollte.<br>Ich sage das ohne einen Anspruch auf &#8218;mein&#8216; Forum anzumelden, oder auf die Funktion als Administrator. Das sind Dinge, die mir einerlei sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass ich dort aber selbst zum Outcast geworden bin &#8211; weil ich es gewagt habe, ungesch\u00f6nt und in zunehmend massiver werdenden Ausdrucksweise die reflektive Auseinandersetzung mit meinen pers\u00f6nlichen Baustellen zu \u00fcben, das f\u00e4llt mir schwer, so hinzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber Geschmack, \u00fcber guten Stil und Umgangsformen kann man sich gerechtfertigterweise streiten, in jedem Falle immer dann, wenn man im pers\u00f6nlichen Austausch mit anderen Menschen steht. <\/p>\n\n\n\n<p>Etwas anderes ist es jedoch, wenn Konflikte, die alleine Drittpersonen betreffen, in Form eines schriftlich festgehaltenen, inneren Dialogs erfolgt &#8211; unabh\u00e4ngig davon, ob dies in einem von der \u00d6ffentlichkeit abgeschirmten Tagebuch oder hier konkret in einem Forum geschieht, welches dazu noch der psychischen Auseinandersetzung mit einschneidenden Lebensereignissen dienen soll, zum sprichw\u00f6rtlichen Popanz aufgeblasen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau in letzterem liegt gewiss die Ursache f\u00fcr das Sprengpotential des von mir dort ausgef\u00fchrten Schattenboxens, welches, wohlverstanden, in meiner eigenen kleinen Sph\u00e4re einiger weniger Threads, die niemand zu lesen gezwungen ist, erfolgt ist. Alleine mir steht es zu, den Popanz aus der Summe meiner Lebensereignisse zu formen, mich in Selbstmitleid zu suhlen, wenn mir der Sinn danach steht, mich  pathlogischem &#8218;fruchtlosem Gr\u00fcbeln&#8216; zu verschreiben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Falsche Annahmen<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Annahme, dass gerade dort, wo besch\u00e4digte Menschen aufeinander treffen, eine erweiterte F\u00e4higkeit zum Perspektivwechsel, oder zumindest, wenn man selbst nichts Produktives zur Leidensgeschichte des Gegen\u00fcbers beizutragen hat &#8211; zum Abgrenzen der Leiden des anderen, vorhanden sein sollte, trifft nicht zu. <\/p>\n\n\n\n<p>Um beim Titel des Posts zu bleiben, bei meiner Fassungslosigkeit, bemerke ich immer mehr, wie klein die Bereitschaft bei psychisch Kranken oft ist, sich selbst zu hinterfragen, was zwingende Notwendigkeit f\u00fcr eine Entwicklung in Richtung einer irgendwie gearteten Heilung w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Gewiss masse ich mir hier ein harsches, vielleicht ungerechtes Urteil an, wenn ich dies so sage. Allerdings sage ich das aus der Perspektive eines psychisch Erkrankten, der mittlerweilen auf 27 Jahre in dieser M\u00fchle zur\u00fcckblicken muss\/kann\/darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Da mir diese M\u00fchle, diese gesellschaftliche Bubble am besten vertraut ist, sehe ich naheliegenderweise dort einen der vielen Mikrokosmen, der Teil des \u00fcbergeordneten Makrokosmus &#8211; unserer menschlichen Welt als ganzes ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Quintessenz daraus ist die, dass von nichts auch nichts kommen kann. <br>Man lege mir das nun nicht als neoliberalen Neusprech aus &#8211; im Sinne einer solch dumm-naiven Phrase wie &#8218;Jeder ist seines Gl\u00fcckes Schmied&#8216;. Keine Gedanke k\u00f6nnte weiter davon entfernt sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Nein, die zwingend zu erlangende Erkenntnis in der psychiatrischen M\u00fchle im speziellen ist die, dass der Ritter hoch zu Ross, der einem aus seinem Schicksal befreit, nie kommen wird. Die Schl\u00fcssel zum Tor des eigenen Kerkers muss man selber finden, oder schlimmstenfalls sogar selber zurecht feilen. <br>Kein Weg f\u00fchrt daran vorbei; denn es gibt keine Wunder.<br>Wer dennoch darauf hofft, wird ewig warten und immerzu entt\u00e4uscht bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>V\u00f6llig unabh\u00e4ngig davon, wie gesund oder krank man sich f\u00fchlen, oder sich selber definieren mag; was bleibt, ist die mehr oder weniger bittere Erkenntnis, dass es keine Wahl, keine Alternative zu dem gibt, was man gerade hat, was vielleicht in dem Moment nicht mehr als das eigene Leben ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Mikrokosmos trifft Makrokosmos<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Weg des gr\u00f6ssten Widerstandes<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Binse, dass nur Fleiss und Einsatz zum Erfolg im Leben f\u00fchren wird, kennen alle von uns, egal ob wir nun vor oder nach dem Durchmarsch des neoliberalen Mantras aufgewachsen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die offensichtliche kognitive Dissonanz in dieser banalen aber heute universalg\u00fcltigen Philosophie ist die, dass die meisten von uns zumindest darum bem\u00fcht, einige hingegen schon obsessiv davon besessen sind, gewissenhafte Staatswichtel zu sein, einer mehr oder weniger sinnhaften Arbeit nachzugehen, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, f\u00fcr die N\u00e4chsten zu sorgen, die Rechnungen und Steuern p\u00fcnktlich zu bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was hingegen ausbleibt, ist die Erkenntnis, vielmehr auch die Bem\u00fchung um die Erkenntnis, dass sich eigenes Engagement keineswegs alleine auf gesellschaftlicher Ebene beschr\u00e4nkt; sondern vielmehr keinerlei menschliche Entwicklung m\u00f6glich ist, ohne die kritische Reflektion seinerselbst und seiner eigenen Position und Rolle in der Welt, verbunden mit der Bereitschaft, gegebenenfalls bis zum Bruch mit etablierten, aber dysfunktionalen Strukturen, im Inneren wie im \u00c4usseren, weiterzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Entwicklung versus Fortschritt, um Pier Paolo Passolini aufzugreifen, ist eines gr\u00f6ssten Missverst\u00e4ndnisse der heutigen Zeit. <\/p>\n\n\n\n<p>In Zeiten schier grenzenlosen Fortschritts, technisch-wissenschaftlichem beherrscht, ger\u00e4t Entwicklung, eine Dom\u00e4ne des Individuums, zumindest in den Hintergrund oder verschwindet g\u00e4nzlich vom Schirm der Aufmerksamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die bunt leuchtende Welt der Gadgets, die in allen Theken, online und offline ausliegen, verzaubern so sehr, dass sie f\u00fcr die meisten l\u00e4ngst zur Kr\u00fccke, f\u00fcr einige auch bereits zur Prothese eines in sich nicht weiter entwicklungsf\u00e4higen Geists geworden sind. Es ist der Weg des geringsten Widerstandes, egal wie sehr man bereits einem kleinen Kind auch beizubringen versucht, dass M\u00fcssiggang aller Laster Anfang.<\/p>\n\n\n\n<p>Was als tugendhaft zu gelten hat, steht in grossen Lettern \u00fcber den T\u00fcren aller gesellschaftlichen Uniformierungsanstalten. Deren Gemeinsamkeit ist in der Regel, das Hirn am Eingang abzugeben, sich trotzdem aber darum zu bem\u00fchen, den sch\u00f6nen Schein einer Intellektualit\u00e4t zu wahren, die aber lediglich der Zucht von wirtschaftlich verwertbarem Menschenmaterial dient.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausserhalb der wirtschaftlichen Verwertung hingegen, der sogenannten Freizeit, kommen die Ersatzbefriedigungen zu Zug; die vielen bunt blinkenden Gadgets, die Kr\u00fccken und Prothesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die machen nicht nur unglaublich viel Spass und Freude, sind sind die  handlich sublimen Kerker, die unseren Geist auch jenseits der Uniformen, die wir t\u00e4glich mehrere Male wechseln, in geregelten Bahnen halten, auf dass kein b\u00f6ser, ketzerischer Gedanke aufkommen soll; die angenehme An\u00e4sthesie, die die Leere im Kopf nicht nur ertr\u00e4glich, sondern zum Selbstzweck macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer den ganzen Tag schuftet, darf auf der geisten Leere fr\u00f6hnen. Und je leerer die Inhalte des Tages, des Schuftens sind, desto mehr an An\u00e4sthetikum ist n\u00f6tig, diese Leere auszuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die modernen Gadgets sind das zeitgen\u00f6ssische Equivalent zu Aldous Huxleys Soma in Brave New World.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fassungslosigkeit auf allen Seiten<\/h2>\n\n\n\n<p>Egal, wo man selbst steht, jeder wundert sich \u00fcber sein Vis-\u00e0-vis. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich meine Fassungslosigkeit ob der zeitgen\u00f6ssischen Geistlosigkeit, des Verlustes aller menschlichen Werte, die niotwendigerweise ein Zusammenleben \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glichen, oft kaum mehr aushalte, mag sich mein Gegen\u00fcber meiner Entr\u00fcstung wegen wundern.<\/p>\n\n\n\n<p>Was als normal zu gelten hat, ist weitestgehend gesellschaftliche Vorgabe, und wessen Verstand bereits abgedankt hat, wird kaum mehr in der Lage sein, sich dem Verzehrs dessen, was ihm sch\u00f6n drapiert auf dem Teller gereicht wird, zu verweigern. Der Sonderling bleibt derjenige, der sich erdreistet, Zweifel zu s\u00e4hen, Fragen aufzuwerfen, die schlimmstenfalls das Konstrukt gesellschaftlicher Normalit\u00e4t dem Einsturz zuf\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zwischen Fromm, Gruen und Camus<\/h2>\n\n\n\n<p>Alles ist bekannt, nicht erst seit der Entstehung all der tollen, geist-l\u00e4hmenden Verheissungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Will man sein eigenes Kranken an der Welt lindern, hat man zumindest eine gewisse Auswahl.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich etwas Optimismus f\u00fcr die Welt als ganzes bewahren will, findet vielleicht bei Erich Fromm etwas Trost.  Die Vorstellung eines gesellschaftlichen Umbaus, der zu guter Letzt zum Nutzen aller sein wird, einer Welt, in der das z\u00e4hlt, was wir sind, und nicht, was wir haben, klingt sch\u00f6n, vermittelt die Hoffnung, es k\u00f6nnte vielleicht doch noch einmal, irgendwann besser werden.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Individualisten empfiehlt sich am ersten Arno Gruen. Die Baustelle Ich. Die bewusste Entscheidung, die Kr\u00fccken und Prothesen wegzuwerfen und den Weg zur Menschwerdung beschreiten. Das erfordert allerdings pers\u00f6nlichen Einsatz. Ziellose Hoffnung auf eine bessere Welt muss jedoch durch konkretes, eigenes Handeln ersetzt werden, mit allen damit verbundenen Risiken. Der Preis, diesen Weg zu gehen, ist nicht unerheblich, aber vielleicht &#8211; vielleicht &#8211; wird er Fr\u00fcchte tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als letzte Option (nach meiner eigenen Einsch\u00e4tzung) bietet sich irgendeine Form von Zynismus, Fatalismus oder Nihilismus an.<br>Nat\u00fcrlich ist es unfair, den Existentialismus eines Camus oder Sartre auf eine Stufe mit Nihilismus zu stellen, trotzdem empfinde ich nicht viel Tr\u00f6stendes in der Erkenntnis, wir als Menschen seien zur Freiheit verdammt. Etwas Fatalistisches schwingt dabei zumindest mit. Der Dualismus dieser Freiheit besteht entweder aus Handeln oder Ohnmacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Fatalismus des Existentialismus entrinnt man nur durch Handeln, was entsprechende Konsequenzen, positive oder auch negative, notwendigerweise impliziert. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">&#8230;was am Ende des Tages bleibt,<\/h2>\n\n\n\n<p>ist die Wahl des gew\u00fcnschten Gifts. Blaue Kapsel oder rote Kapsel.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Blog ist eigentlich so \u00fcberfl\u00fcssig wie viele, wenn nicht alle anderen. Alles wurde bereits tausende Male durchgekaut, es gibt nichts Neues mehr in dieser Welt. 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