{"id":729,"date":"2023-11-12T15:39:51","date_gmt":"2023-11-12T14:39:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/?p=729"},"modified":"2023-11-12T15:39:52","modified_gmt":"2023-11-12T14:39:52","slug":"kapitalismus-bis-zum-bitteren-ende-gedacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/index.php\/2023\/11\/12\/kapitalismus-bis-zum-bitteren-ende-gedacht\/","title":{"rendered":"Kapitalismus &#8211; bis zum bitteren Ende gedacht"},"content":{"rendered":"\n<p>Dass in der heutigen Welt alles m\u00f6glich ist, muss man schon fast als belanglose Floskel ansehen. Es zu erw\u00e4hnen, er\u00fcbrigt sich, zumindest f\u00fcr den aufmerksamen Beobachter des Geschehens. Nichts bleibt unentdeckt, wenn man ein wenig tiefer im tr\u00fcben Morast zu stochern beginnt, wo die Qualit\u00e4tsjournallie eher selten zu Werke ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich nun den <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/462879.leihmutterschaft-neunmonatiger-brutkasten.html\">Artikel<\/a> der Junge Welt verlinke, sage ich damit allerdings nicht, dass ich bei ihr mehr Qualit\u00e4tsjournalismus voraussetze als bei allen anderen. Mein Verh\u00e4ltnis zu Junge Welt ist seit der Corona-Episode schwer belastet. Aufgrund der auch dort praktizierten infamen medialen Hetzjagd gegen die Massnahmengegner und die aktive F\u00fcrsprache des staatlich verordneten Massnahmenregimes, habe ich in jenen Tagen mein Abo gek\u00fcndigt und bin seither kein zahlender Leser mehr. Allerdings soll es hier nicht um die Corona-Zeit gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Junge Welt zuweilen heisse Eisen anfasst, daf\u00fcr sei ihr trotz allem hier ein Lob ausgesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste spontane Eingebung beim Lesen des Artikels zum Thema Leihmutterschaft war, dass ich vor vielen Jahren einen Oxford Dictionary k\u00e4uflich erworben hatte, auf welchem ein Label prangte, man h\u00e4tte neue W\u00f6rter ins Werk aufgenommen &#8211; dabei schriftlich erw\u00e4hnt als Beispiel das Wort &#8217;surrogate mother&#8216; &#8211; also &#8218;Leihmutter&#8216;. Das d\u00fcrfte in sp\u00e4ten 2000er gewesen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>So v\u00f6llig neu ist die Thematik folglich nicht, wobei es dennoch f\u00fcr die meisten bis heute sehr wahrscheinlich eine abstrakte Begrifflichkeit geblieben ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass es das Ph\u00e4nomen gibt, sollte dennoch eigentlich allen bekannt sein. Im erweiterten Themenkreis um Leitmutterschaft finden sich besser vertraute Begrifflichkeiten wie etwa &#8217;social freezing&#8216;, welche von Internetmonopolisten wie Alphabet (Google) oder Meta (Facebook) gepr\u00e4gt wurden. Wer dies zum ersten Mal liest, soll bitte im Web nachschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bei fast allen solchen neuzeitlichen Begriffen sind auch diese selbstenttarnend, tragen also abgesehen von der reinen Semantik eine Botschaft auf der Metaebene in die Welt, die bei genauer Betrachtung erst das volle Ausmass an orwellianischem Neusprech offenbart.<\/p>\n\n\n\n<p>Biologische Realit\u00e4ten sind, wie etwa die Diversit\u00e4tsdebatte ebenfalls ganz selbstenttarnend aufzeigt, keine determinierten Faktoren mehr. Der Mensch hat es geschafft, auch die Biologie nach seinen Bed\u00fcrfnissen zurecht zu biegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das &#8218;Alles ist machbar&#8216;-Mantra des Neoliberalismus hat sich lange an bis vor kurzem noch unumst\u00f6sslichen Fakten abgearbeitet. Wobei &#8218;abgearbeitet&#8216; nicht die richtige Wortwahl ist. Das Problem, dass Menschen Kinder kriegen hat er in der Weise geregelt, dass er sich darum bem\u00fcht hat, diejenigen menschlichen Wesen, die gew\u00f6hnlich die Kinder kriegen, also die Frauen, m\u00f6glichst nur soweit ins System einzubinden, dass sie, im Falle dass, nicht zur adminstrativen und finanziellen B\u00fcrde werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Dass der Sozialstaat leidlich Leitplanken gegen diese Bestrebungen zu setzen versucht hat, kann man im Wesentlichen unber\u00fccksichtigt lassen. WIe so oft war es weitestgehend inhaltslose aber wohlklingende  Rhetorik seitens der Linken und einigen B\u00fcrgerlichen, die sich nicht des Vorwurfs der Unmenschlichkeit ausgesetzt sehen und das Trugbild des Kapitalismus mit menschlichem Anlitz ein wenig alimentieren wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bekanntlich bietet aber der Kapitalismus f\u00fcr jedes Problem eine adaptierte L\u00f6sung, siehe &#8218;Der Markt regelt das schon&#8216;. So ist es nicht erstaunlich, dass er sich auch nicht weiter mit scheinbar unumst\u00f6sslichen biologischen Fakten abfinden wollte und keinen Aufwand scheute, die Biologie seinem Dogma gef\u00fcgig zu machen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das ist zweifelsohne gelungen. Was machbar ist, wird auch gemacht, \u00fcber den Preis, nicht nur den pekuni\u00e4ren wird, wenn \u00fcberhaupt, erst sp\u00e4ter nachgedacht. <\/p>\n\n\n\n<p>Die menschliche Biologie kann man also nahezu beliebig den Bed\u00fcrfnissen anpassen. Wenn die Biologie bisher noch sagte, dass die weibliche Fertilit\u00e4t zeitlich beschr\u00e4nkt ist, bietet sich nun die L\u00f6sung an, diese Fertilit\u00e4t auf dem weiblichen K\u00f6rper zu extrahieren und f\u00fcr sp\u00e4tere Zeiten kryogen zu lagern. Alles machbar, keine Sache, social freezing: man plant in Zukunft Familie und Kind erst dann, wenn die eigene berufliche Verpflichtung dies auch zul\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass damit aber noch nicht das Ende dieses Diskurs erreicht war, musste jedem halbwegs rational denkenden Menschen dennoch bewusst sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage vieler Frauen lautet mittlerweilen: kann ich es mir \u00fcberhaupt leisten, Kinder zu haben? Dabei ist die Frage des K\u00f6nnens in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen keine biologische oder finanzielle, sondern eine temporale. Woher die Zeit f\u00fcr 9 Monate Schwangerschaft und damit 9 Monaten Unw\u00e4gbarkeit hernehmen? Denn wie gesagt, ist an dieser Tatsache sozialpolitisch, etwas Kosmetik ausgenommen, nie Wesentliches zum Wohle des Menschen, der Frauen, der Ehepaare gemacht worden. Dazu h\u00e4tte man sich zu sehr mit dem Kapital anlegen m\u00fcssen, was kein Soze im Spannungsfeld zwischen den marktwirtschaftlichen Realit\u00e4ten und den sozialen Bed\u00fcrfnissen wirklich ernsthaft gewagt h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Deswegen muss man nun, angesichts der Tatsache, dass Menschen, im Konkreten hier Frauen, dazu solche aus sozial prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen in L\u00e4ndern mit noch weniger ausgepr\u00e4gtem Wertekompass als der ach so hoch gelobte Wertewesten, zu Brutk\u00e4sten f\u00fcr den Nachwuchs einer wohlhabender Klientel aus Europa und Nordamerika, zun\u00e4chst nur n\u00fcchtern zur Kenntnis nehmen und die wohlfeile Moral am besten ganz schnell wieder wegpacken.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kapitalismus &#8211; bis zum Ende gedacht &#8211; konnte nie etwas anderes als solche Ausw\u00fcchse hervorbringen. <\/p>\n\n\n\n<p>Punkt. <\/p>\n\n\n\n<p>Nachfrage bewirkt Angebot. Das ist zwar f\u00fcr sich genommen der keynesianische Ansatz der Marktwirtschaft und nicht derjenige, der aktuell dominanten marktradikalen Lehre, zeigt damit aber auch folglich das systemimmanente Problem des Akkumulationsprozess. Was machbar ist, wird gemacht, unabh\u00e4ngig von einer irgendwie gerarteten moralischen Bewertung. Wer mit Moral argumentiert, hat den Kapitalismus nicht verstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind schlicht folgerichtig, wenn wir dem Dogma, dass der Markt alles regele, folgen, dann hat auch ein menschlicher Brutkasten seinen fest definierten monet\u00e4ren Preis. Dies in Abrede stellen zu wollen, ist, solange keine grunds\u00e4tzliche Bereitschaft besteht, dem Markt seine blindw\u00fctige Wirkmacht zu entziehen oder wenigstens wieder in klar definierte Bahnen zu lenken, nichts weiter als eine weitere, typisch abendl\u00e4ndische Hybris. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn der Westen im wirtschaftlichen Abstieg begriffen ist, fragen bisher mehrlich westliche Paare derartige Angebote nach. Parallel dazu pflegt gerade der Westen diesen bigotten moralischen Rigor, mit welchem er die ganze Welt mit seinen Werten begl\u00fccken will, w\u00e4hrend er sich selbst von allen anderen auferlegten Regeln ausnimmt. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer simpifizierten Weltsicht muss man das Ph\u00e4nomen Leihmutterschaft in v\u00f6lliger N\u00fcchternheit betrachten: als, aufgrund entsprechender Nachfrage zwangsl\u00e4ufig am Markt erscheinendes Angebot, welches f\u00fcr eine bestimmte Summe k\u00e4uflich zu erwerben ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Nicht mehr, nicht weniger.<\/p>\n\n\n\n<p>Jede moralische Emp\u00f6rung dar\u00fcber verbietet sich &#8211; solange keine fundamentale Bereitschaft da ist, dem Dogma &#8218;der Markt regelt alles&#8216; Einhalt zu gebieten. Alles andere ist schlicht Heuchelei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass in der heutigen Welt alles m\u00f6glich ist, muss man schon fast als belanglose Floskel ansehen. 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