{"id":740,"date":"2024-01-01T02:22:08","date_gmt":"2024-01-01T01:22:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/?p=740"},"modified":"2024-01-01T02:22:08","modified_gmt":"2024-01-01T01:22:08","slug":"bleierne-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/index.php\/2024\/01\/01\/bleierne-zeiten\/","title":{"rendered":"Bleierne Zeiten"},"content":{"rendered":"\n<p>Festzustellen, um diese Uhrzeit, an diesem einen Tag genau hier und nirgendwo anders zu sein, kann f\u00fcr zweierlei sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Entweder, dass etwaige Anspr\u00fcche an das eigene Leben ausserhalb des Erreichbaren liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder aber, dass man aus weiser Voraussicht a priori darauf verzichtet, Anspruch auf etwas zu zu erheben, was ausserhalb des jeweils M\u00f6glichen liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Entt\u00e4uscht? <\/p>\n\n\n\n<p>Nein. <\/p>\n\n\n\n<p>Traurig?<\/p>\n\n\n\n<p>Ja.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn auch, um gleich zu berichtigen, nicht etwa aufgrund des Gef\u00fchls, etwas zu verpassen oder schon l\u00e4ngst verpasst zu haben. Das einzig Positive am \u00c4lterwerden scheint mir der Umstand, dass man vieles nicht mehr so eng sieht, es nicht mehr in dieser extremen Sch\u00e4rfe wahrnimmt, wie man es etwa als Jugendlicher oder junger Erwachsener tut.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8218;Life in fast lane&#8216; sollte im Alter von Sturm und Drang gelebt werden. Irgendwann ist es schlicht zu sp\u00e4t, um noch an etwas anzukn\u00fcpfen, wovon man denkt, es w\u00e4re an einem vorbeigegangen, obgleich bei genauer Betrachtung vieles ohnehin immer schon verzichtbar war und es bis heute geblieben ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings kann ich nicht behaupten, dass ein Feiertag wie Neujahr damals, als noch alles anders und man selbst jung war, besser gewesen w\u00e4re. Die Erwartungen waren stets hoch, die Realit\u00e4t meist eher bis sehr ern\u00fcchternd. Soweit kein Wunder, dass es in der Folge meist irgendwelcher Substanzen bedurfte, um wenigstens zu versuchen, dem schrecklich Banalen etwas Besonderes abzuringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere Erscheinung des \u00c4lterwerdens ist die F\u00e4higkeit, das Wesentliche vom \u00dcberfl\u00fcssigen unterscheiden zu k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Vermutlich wird es mich deswegen gerade so wenig bek\u00fcmmern, hier und jetzt alleine zu sein. Es bedarf wenig Denkleistung zu erkennen, dass dies auch gerade f\u00fcr mich das Beste. Weder w\u00e4re ich eine angenehme, erbauliche Gesellschaft f\u00fcr andere, noch w\u00e4re ich imstande, einer anderen Situation etwas anderes abzuringen als dieser schlichten Rahmenhandlung: auf dem Sofa liegend, mit dem Glas Rotwein auf dem Tisch und den bereits gef\u00fchlt eine Million Mal durchgekauten Gedanken im Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Schrecklich banal war damals noch das eine. Banalit\u00e4t erlaubt im mindesten noch Hoffnung, im besten Fall sogar Anspruch auf Ver\u00e4nderung, in welcher Art auch immer. <\/p>\n\n\n\n<p>Den heutigen Zustand aber banal schrechlich zu nennen, l\u00e4sst hingegen nicht viel Spielraum f\u00fcr andersgelagerte Hoffnungen. Somit kann ich das gesamte Jahr 2023 als eine bleierne Zeit festmachen. Profan ausgedr\u00fcckt, w\u00fcrde ich sagen, dass ich ein ganzes Lebensjahr verschwendet habe. Dass ich dies in diesem Fall nicht meinem Zutun geschuldet ist, macht es eher noch schwerer als leichter; denn es f\u00e4llt mir leichter, solche Sachlagen unter der Rubrik &#8218;Eigenes Scheitern&#8216; zu verbuchen als mich in sinnlosen Versuchen zu ergehen, die Verantwortung bei anderen zu suchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schuldfrage zu kl\u00e4ren, ist in den meisten F\u00e4llen ein fruchtloses Unterfangen, jedenfalls wenn es das eigene Bestreben bleibt, mit seinen Mitmenschen auf irgendeine Weise weiter zurande zu kommen, egal was deren Anteil an der eigenen Sachlage sein mag. Insofern stecke ich in einer mir selbst gestellten Falle, die bei genauer Betrachtung noch fataler ist als es zun\u00e4chst erscheint. <\/p>\n\n\n\n<p>Denn gerade durch diese, eigentlich falsch motivierte Umsicht und der daraus resultierenden Nachsicht habe ich mutmasslich den rechtzeitigen Absprung aus einem hochgradig pathologischen Umfeld verpasst und stecke nun mittendrin, in einer Art Geiselhaft, verursacht durch eine toxische Mischung v\u00f6lliger Realit\u00e4tsverweigerung und infantilem Egoismus einerseits sowie notorischem Narzissmus und widersinniger Kleingeistigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitten im Spannungsfeld zweier derart verfasster Menschen zu stehen, kommt einem Leben in der irdischen Auspr\u00e4gung der H\u00f6lle wohl schon ganz nahe. Somit muss ich mich \u00fcber die dementsprechend infernal gepr\u00e4gte Stimmung meinerseits nicht wirklich wundern. <\/p>\n\n\n\n<p>Versuchte ich dieser misslichen Lage etwas Positives abzuringen, k\u00f6nnte ich sagen, dies sei meine eignene, zeitgen\u00f6ssisch ausgepr\u00e4gte Schule der Stoa. Dies ersparte mir zugleich eine weitergehende Wertung und somit das Abdriften in metaphysische Begrifflichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies jedenfalls in jenen Zeiten, in denen ich entsprechend viel Gleichmut aufbringen kann. In Ermangelung derselben, wie in letzter Zeit geh\u00e4uft, greift jedoch ganz schnell die Metaphysik. Dann bricht die sich alternierende Triade aus Zynismus, Fatalismus und Nihilismus durch. Gl\u00fccklicherweise stehen diese dann emotional dominanten Ausformungen des Erlebens, zumindest in meiner inneren Welt, gedanklich wieder so nahe beim mittlerweilen herangewachsenen Stoiker, dass sich der Kreis irgendwann wieder zu schliessen vermag.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem bleibt immer auch die Ungewissheit bestehen, irgendwann vielleicht nicht mehr aus einem, aufgrund der Sachlage gewiss plausiblen Teufelskreis herauszukommen. Pers\u00f6nlich werte ich den Umstand, kurzzeitig in der Psychiatrie unterzukommen, nicht als Niederlage, aber es ist zumindest ein Indikator, der Zweifel am noch Leistbaren weckt und die Frage aufwirft, wann sich eine aufgrund weiterer Vorkommnisse im Streit um das Kind pl\u00f6tzlich aufbrechende Dekompensation vielleicht doch nicht mehr rechtzeitig auffangen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die bleierne Schwere dieser Tage liegt nicht nur im Sachverhalt und der m\u00f6glichen Konsequenzen selbst, sondern auch in der inneren Verfasstheit, der Selbstwahrnung sowie dem Blick nach aussen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeder Gedanke, wie es \u00fcberhaupt jemals mit irgendeinem Teilaspekt des Lebens weitergehen soll, tr\u00e4gt das Potential einer neuerlichen Krise in sich. Gewiss sagt die Lebenserfahrung, dass sich dies in Krisenlagen meist so anf\u00fchlt. Nur basiert jene Erfahrung auf bis anhin rein fiktionaler Geschehnisse, auf Hindernissen, die man sich, wie man man erst viel sp\u00e4ter erkennt, selber im Kopf erschaffen hat und die keinen wesentlichen Bezug zum realen Leben haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies hier ist aber das reale Leben. Die KESB, ihre Briefe, ihre Wirkmacht auf mein Leben &#8211; das ist ganz real und leider keine Fiktion, die mein Kopf erschaffen h\u00e4tte. Mehr oder minder wirksame Mittel zur Einhegung dieser Bedrohung sind Abstraktion, Repression und immer mehr auch Regression.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich ertappe mich bei Gedanken, die Adorno seinem autorit\u00e4ren Charakter zugeschrieben h\u00e4tte. Als w\u00e4re das f\u00fcr sich genommen nicht schon genug, f\u00fchlen sich diese Gedanken oft schl\u00fcssig und zufriedenstellend an, ganz so als ob ich gerade erst so richtig den Rassisten in mir kennen und sch\u00e4tzen gelernt h\u00e4tte, wenn ich mich etwa auf der Autofahrt \u00fcber vorbeifahrende Fahrzeuge mit franz\u00f6sischen Zulassungsschildern in rassistischen Hasstiraden ergehe. <\/p>\n\n\n\n<p>Freilich mangelt es mir auch heute nicht an der Selbsterkenntnis, wie falsch und ungerecht diese Pauschalisierung ist, wenn ich von einem einzelnen Franzosen, dessen selbstgestecktes Ziel es geworden ist, mein Leben zur H\u00f6lle auf Erden zu machen, gleich auf alle anderen schliesse. Dennoch scheint es gerade diese Regression zu sein, die wenigstens vor\u00fcbergehend den Leidensdruck etwas mindert.<\/p>\n\n\n\n<p>Es bleibt dennoch abzuwarten, welche nachhaltigen Folgen diese Zeit haben wird. Da zur allt\u00e4glichen Bew\u00e4ltung dieser Situation \u00e4hnliche Mittel wie zur Beherrschung und Einhegung meiner fr\u00fcheren Traumata notwendig sind, liegt der Schluss nahe, dass sich hier gerade halb unbemerkt neue Traumata in die Seele fressen. Dass ich dem nur wenig entgegensetzen zu habe, muss ich f\u00fcrs erste einmal zur Kenntnis nehmen. Auch dies erinnert lehrbuchartig an Traumaentstehung: in der konkreten Notlage, der unmittelbaren Bedrohung ausgesetzt, bleiben die vier F &#8211; Fight, Flight, Freeze, Fawn. <\/p>\n\n\n\n<p>So gesehen hat, wie bereits erw\u00e4hnt, die Falle schon lange zugeschnappt. Alle 4 Wirkmechanismen kann ich in abwechselnder T\u00e4tigkeit beobachten. Hier offenbart sich meine, schier unertr\u00e4gliche innere Dichotomie, etwa im eigenen Anspruch, Vernunft walten zu lassen, ad\u00e4quat zu handeln, pragmatisch zu bleiben, w\u00e4hrend aufgrund der Absurdit\u00e4t der Situation und der Widerw\u00e4rtigkeit der anderen handelnden Akteure die dadurch verursachte kognitive Dissonanz oft derart unertr\u00e4glich wird, dass sich blinder Hass Bahn bricht und das Gef\u00fchl Oberhand nimmt, dem Wahnsinn anheim zu fallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es bleibt einzig die Erkenntnis, bereits einmal ein tiefsitzendes Trauma \u00fcberwunden zu haben, und dies dazu noch unter den widrigen Umst\u00e4nden der letzten Jahre. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Festzustellen, um diese Uhrzeit, an diesem einen Tag genau hier und nirgendwo anders zu sein, kann f\u00fcr zweierlei sprechen. Entweder, dass etwaige Anspr\u00fcche an das eigene Leben ausserhalb des Erreichbaren liegen. 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