{"id":742,"date":"2024-01-02T19:48:57","date_gmt":"2024-01-02T18:48:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/?p=742"},"modified":"2024-01-02T19:48:58","modified_gmt":"2024-01-02T18:48:58","slug":"die-muehen-der-ebene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/index.php\/2024\/01\/02\/die-muehen-der-ebene\/","title":{"rendered":"Die M\u00fchen der Ebene"},"content":{"rendered":"\n<p>In letzter Zeit qu\u00e4le ich mich durch die Lekt\u00fcre. Bedenkend, dass ich noch vor einigen Jahren in der Regel 4 bis 5 B\u00fccher pro Monat gelesen habe, bef\u00e4llt mich beinahe Schockstarre, wenn ich sehe, wie wenig es mir noch gelingt, &#8218;gut&#8216; zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut lesen, im Sinne von Eintauchen, absorbiert werden, zum Protagonist des Werkes aufsteigen; oder auch mal ein Molek\u00fcl oder ein Gammaquant werden. Was noch geblieben ist, jedenfalls bei Sachb\u00fcchern naturwissenschaftlicher Art, wieder etwas zur Ruhe zu kommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Formeln und Gleichungen haben f\u00fcr mich etwas Beruhigendes. In ihnen widerspiegeln sich Strukturen, Gesetzm\u00e4ssigkeiten, die mir um ein Vielfaches plausibler erscheinen als alle geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzm\u00e4ssigkeiten der realen Menschenwelt. Axiome wie sie die Physik oder die Mathematik aufweisen, fehlen in dieser Welt der Menschen, zu welcher ich zwar &#8211; irgendwie &#8211; geh\u00f6re, mich aber dennoch nie erf\u00fcllend zugeh\u00f6rig gef\u00fchlt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Entfremdung ist zwar f\u00fcr viele Menschen eine tagt\u00e4gliche Realit\u00e4t, die wenigsten werden aber ihre Bedeutung wirklich erfassen. Auch weil sie darin ge\u00fcbt sind, sich in Ersatzhandlungen zu ergehen und damit das Unfassbare nicht fassbar, aber handhabbar zu machen. Das Gef\u00fchl, fremd zu sein, ist mir so vertraut wie wenig andere Gef\u00fchlsregungen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Spannungsfeld <em>ich und die anderen<\/em> war immer nie weniger als genau ein solches: Ein Feld unermesslicher Spannungen, \u00fcberall und st\u00e4ndig. W\u00e4re ich anders gepr\u00e4gt, nicht im Sinne eines Humanismus, der f\u00fcr sich genommen in diesen Tagen kaum mehr als einen Anachronismus darstellt, dann w\u00e4re vermutlich vieles anders gekommen. Gewiss nicht besser, eher schlechter. Der Weg, der einem beim Fall ins Bodenlose oft vorgezeichnet ist, kann man in Statistiken erfassen, etwa der Kriminalstatistik, der Suizidstatistik oder der Statistik der Drogentoten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie durch ein Wunder habe ich, zumindest bis hierher, selbst keine dieser Statistiken numerisch um 1 erh\u00f6ht. Vermutlich ist es kein Wunder, sondern dieser, sagen wir mal, zornige Hund in mir, der, einmal richtig festgebissen, nicht mehr losl\u00e4sst. Ein Pers\u00f6nlichkeitszug, genetische Pr\u00e4disposition oder Ergebnis von Sozialisation, das l\u00e4sst sich kaum beantworten, w\u00e4re auch irrelevant. Keine Dankbarkeit, wof\u00fcr auch; aber Demut. Vor dem Leben, vor dem Sein, vor allem, was ist &#8211; um prosaisch den mir unangenehm religi\u00f6s konnotierten Begriff Sch\u00f6pfung zu vermeiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich schweife wieder einmal ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim besten Willen wollte der Kopf auch dieser Tage die Brecht-Lekt\u00fcre nicht recht aufnehmen. Selbst die H\u00e4lfte der maximal zul\u00e4ssigen Tagesdosis Methylphenidat vulgo Ritalin reicht derzeit oft nicht aus, gen\u00fcgend den Fokus auf ein bestimmtes Ziel richten zu k\u00f6nnen. Die Gedanken schwirren wie immer seit Monaten in die vorhersehbare Richtung, auch wenn nichts unsinniger sein k\u00f6nnte als das. Mit etwas Verst\u00e4ndnis mir selbst gegen\u00fcber, kann ich das st\u00e4ndige Abdriften als Kreativprozess auffassen, wof\u00fcr Brecht immerhin schon mal eine gute Basis ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In schweren Zeiten, ohne das nun zu pr\u00e4zisieren, denkt man verst\u00e4ndlicherweise, alles wird anders, leichter, einfacher, besser sein, wenn dereinst alles ausgestanden sein wird. Das k\u00f6nnte ich nun als reichlich kleingeistig abqualifizieren, da leidige Erfahrung anderes gelehrt hat. Im Einzelfall mag es so sein, die Regel ist es nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Dass ich mir mittlerweilen angesichts der KESB Story verbiete, so etwas wie Zukunft auch nur wage zu antizipieren, l\u00e4sst nat\u00fcrlich auch keinen Gedanken aufkommen, dass, selbst f\u00fcr den eigentlich erwartbaren Fall eines positiven Endes dieses Spukes, gewiss alles anders, aber nichts, rein gar nichts einfacher, besser oder leichter sein wird. Dieser naiven Illusion kann ich mich nicht hingeben, und erstaunlicherweise begehre ich nicht einmal den Gedanken daran, weil darin kein Trost zu finden w\u00e4re; und Trost in welcher Form auch immer ist \u00fcber die letzten Monate ein \u00dcberlebenselixir geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wohl angesichts der neuen Jahreszahl auf dem Kalender hat sich dennoch ein diffuser Impuls in einer, aufgrund der Sachzw\u00e4nge eigentlich vom \u00fcbrigen Funktionsverbund abgeschn\u00fcrten Synapse geregt, der konkrete Forderungen stellen will. <\/p>\n\n\n\n<p>Die letzten 4 Jahre waren davon gepr\u00e4gt, auf sich st\u00e4ndig \u00fcberwerfende \u00e4ussere Verh\u00e4ltnisse m\u00f6glichst pragmatisch und ohne \u00fcberschiessende Emotionen zu reagieren. Reagieren ist, wenn \u00fcberhaupt nur sekund\u00e4r mit egoistischen Motiven besetzbar. In meinem Fall bestanden und bestehen bis heute die minimal m\u00f6glichen Egoismen meist nur aus v\u00f6llig unzul\u00e4nglichem Selbstschutz und der Frage, woher die Kraft stammen soll, die jeweilige Problematik, die sich meist unvorhersehbar wie aus dem Nichts aufgeworfen hat, ad\u00e4quat zu l\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch besch\u00e4ftigte ich mich mit Einhegung, aber bedrohlich wie eine disseminierende Infektion bricht sich hier etwas Bahn, was zur Unzeit kommt &#8211; aber, vom menschlichen Standpunkt aus schlicht legitim ist: <\/p>\n\n\n\n<p>Was soll werden, wenn&#8230;?<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Wenn bezieht sich zweifelsohne auf ein Ende dieser KESB Posse. Zwar ist zeitlich gesehen dieses Ende absehbar am Horizont zu erkennen, aber davon unabh\u00e4ngig bleiben die inhaltlichen Unw\u00e4gbarkeiten, die diese Entscheidung offenbaren wird. Was von diesen Juristen und Psychologen in diesem Fall mit Junior entschieden werden sollte, entschieden werden m\u00fcsse, ist, gesunden Menschenverstand vorausgesetzt, v\u00f6llig offenbar. Verb\u00fcrgt ist diese eine, sich aufzwingende Entscheidung allerdings mitnichten, da irrationale Entscheidungen der KESB oft mehr die Regel als die Ausnahme sind. Immerhin durfte ich mit M. und ihrer Tochter genau eine solche hochgradig groteske KEBS Posse mitansehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal kurz gedanklich den gesamten Druck der letzten 11 Monate von mir nehmend, imaginiere ich mir also eine Zukunft. Meine Zukunft. <\/p>\n\n\n\n<p>Reflexartig meldet sich Brecht zu Wort. <\/p>\n\n\n\n<p>Konsterniert erschrecke ich vor dem Gedanken, dass dann gewiss die M\u00fchen der Berge hinter mir liegen &#8211; die M\u00fchen der Ebene allerdings liegen erst noch vor mir. Und diese Ebenen sind weit, offen und erschreckend gestaltlos.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Horror vacui habe ich erst k\u00fcrzlich in Bezug auf meine Mitmenschen erw\u00e4hnt. Jetzt hat er mich selbst befallen. Die evozierten Gef\u00fchle aufgrund eines Blickes nach vorne in die noch zu gestaltende Zukunft mit 18 und desselben Blicks mit 45 sind die zweier g\u00e4nzlich verschiedener Menschen.  W\u00e4hrend man mit 18 in der Regel die Gestaltlosigkeit der Zukunft als schier grenzenlose Gestaltungsfreiheit auffasst, fehlt einem mit 45 schlicht dieser gewiss naive, aber hoffnungsvolle Idealismus und die Verve, die einem einst noch erlaubt hat, auch Risiken einzugehen, ohne deren m\u00f6gliche Konsequenzen bis ins kleinste Fragment zu analysieren und antizipieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Ehrlichkeit halber muss ich eingestehen, dass ich einst diese Risiken sehr wohl eingegangen bin, deren m\u00f6gliche Konsequenzen, insbesondere die Konsequenzen eines m\u00f6glichen Scheiterns all der sch\u00f6nen Pl\u00e4ne f\u00fcr das eigene Leben nicht nur detailiert antizipiert, sondern sie geradezu heraufbeschw\u00f6rt habe. Unerw\u00e4hnt geblieben ist dabei noch diese, in pathologische Dimensionen gesteigert Signifikanz von Erfolg, oder eben in den konkreten F\u00e4llen, von Scheitern, welches mit einer gef\u00fchlten Annihilation der eigenen Existenz einherging. <\/p>\n\n\n\n<p>So wird dieser heutige Blick auf die M\u00fchen der Ebenen zu einer erschreckenden Reminiszenz, die nicht nur Fragen nach dem Wie weiter aufwirft, sondern einem zugleich gnadenlos vor Augen f\u00fchrt, wie es die Geister der Vergangenheit bis in die Gegenwart geschafft haben. Nicht, dass mich dies erstaunte, nichts anderes war realistischerweise zu erwarten; doch provoziert dies reflexartig bekannte Mechanismen, die darauf hinauslaufen, dass die m\u00f6glichen Implikationen der Reactio die  daf\u00fcr notwendigerweise vorausgehende Actio beinahe schon ad absurdum f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p> Dass man sich, wider allen Ver\u00e4nderungen, die man im Laufe des Lebens durchmacht, gerade mit den Verhaltensmustern, die wenig f\u00f6rderlich bis extrem hinderlich sind, immer treu bleibt, scheint diese vielzitierte Ironie des Lebens zu sein. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In letzter Zeit qu\u00e4le ich mich durch die Lekt\u00fcre. Bedenkend, dass ich noch vor einigen Jahren in der Regel 4 bis 5 B\u00fccher pro Monat gelesen habe, bef\u00e4llt mich beinahe Schockstarre, wenn ich sehe, wie wenig es mir noch gelingt, &#8218;gut&#8216; zu lesen. 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