{"id":759,"date":"2024-01-28T14:10:35","date_gmt":"2024-01-28T13:10:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/?p=759"},"modified":"2024-04-01T23:39:38","modified_gmt":"2024-04-01T21:39:38","slug":"geschichtsvergessen-und-lernresistent","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/index.php\/2024\/01\/28\/geschichtsvergessen-und-lernresistent\/","title":{"rendered":"Der Unber\u00fchrbare und die Suggestivkraft der letzten Aufrechten"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein Sturm ist mittlerweilen weit mehr als ein meteorologisches Geschehnis. Physikalisch bedingte St\u00fcrme als Wetterph\u00e4nomen sind zahlenm\u00e4ssig sogar die Ausnahme, vielmehr fegen die zahlenm\u00e4ssig relevanten zeitgen\u00f6ssischen St\u00fcrme von der politisch-medialen Agora her kommend in sch\u00f6ner Regelm\u00e4ssigkeit nicht \u00fcber den Himmel, sondern durch unsere K\u00f6pfe. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Ursachen lassen sich in einfachen Stichworten festmachen, ein ganz aktuelles, mit viel Popanz, Hypermoral und Geschichtsklitterung aufgeladenes ist die Wannseekonferenz 2.0.<\/p>\n\n\n\n<p>Es soll hier nicht ein weiteres Mal um die Deutung des mutmasslich halbgaren aber faktisch bisher nicht belegten Inhalts dieser Konferenz gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant finde ich einige andere Punkte, die in der breitgetretenen tendenzi\u00f6sen Emp\u00f6rung schlicht nicht vorkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>So habe ich vorhin auf Putins Sprachrohr RT.de gelesen, dass die deutschen Beh\u00f6rden eine Einreisesperre gegen einen der Teilnehmer dieser Konferenz erlassen haben. Dieser Teilnehmer heisst Martin Sellner, \u00f6sterreichischer Staatb\u00fcrger und dem Vernehmen nach Anh\u00e4nger der identit\u00e4ren Bewegung, der Verbindungen ins neonazistische Milieu nachgesagt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Was nun an diesem Narrativ wahr und was pure Erfindung und Unterstellung ist, kann man kaum noch schl\u00fcssig aufdr\u00f6seln. Dazu wurde das Ereignis selbst bereits zu stark k\u00fcnstlich aufgeblasen. Ebenso hat man alles daran gesetzt, die Teilnehmer in einer Weise zu diffamieren, dass diese in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung nun derart verbrannt sind, dass, selbst gesetzt den Falles, ein Medienschaffender mit entsprechender Reichweite wagte es, einer der Teilnehmer in seine Sendung einzuladen, um objektiv in Erfahrung zu bringen, was an dieser Konferenz beraten worden ist, dieser mit Gewissheit \u00f6ffentlich hingerichtet werden w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Pers\u00f6nlich hege keine Sympathien mit den identit\u00e4ren Vorstellungen. Selbst wenn ich anerkenne, mit meinem fortschreitenden Alter einen zunehmenden Konservatismus entwickelt zu haben, widerstrebt intuitiv jede Form der \u00dcberh\u00f6hung der eigenen nationalen und kulturellen Herkunft. <\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings, da mag ich in einigen Punkten durchaus in \u00dcbereinstimmung mit den Identit\u00e4ren sein, denke ich nicht, dass eine Gesellschaft beliebig kulturell \u00fcberfrachtet werden kann, ohne dass dies irgendwann zu einem Kippunkt f\u00fchrt, an dem man notgedrungen selbstkritisch erkennen muss, dass viele verschiedene Kulturen unter dem gemeinsamen Dach eines Staatswesens nicht ohne die Bereitschaft zum Kompromiss und Interessenausgleichs auskommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dass ein fairer und gerechter Ausgleich desto schwieriger wird, je mehr verschiedene Kulturen sich im Alltag zusammenraufen m\u00fcssen, sollte jedem auf den ersten Blick klar sein. Leider muss man immer mehr konstatieren, dass die naive Erwartung, heimische Kultur durch Migration in progressivem Sinn bereichern zu k\u00f6nnen, vorhersehbar, kein Selbstl\u00e4ufer ist, sondern realiter zu zunehmenden sozialen und gesellschaftlich relevanten Verwerfungen f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch darum soll es hier nicht gehen, weswegen ich diese kurze und gewiss recht eindimensionale Analyse f\u00fcrs erste so stehen lasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Spannend f\u00fcr mich ist der nach allen Regeln der Aufmerksamkeits\u00f6konomie zelebrierte Aktionismus, den Medien und Politik gerade an den Tag legen. Man k\u00f6nnte glatt zur Auffassung gelangen, dass Herr Sellner die personifizierte Wiederkunft Adolf Hitlers sei, und dass schon morgen fr\u00fch halb Europa unversehens im 4. Reich aufwachen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Unabh\u00e4ngig von der Frage, inwieweit Herr Sellner gegebenenfalls Sympathien f\u00fcr das Gedankengut Adolf Hitlers hat, was er, ob wir das nun goutieren oder nicht, auch darf, sofern der Anspruch, die Gedanken seien frei, doch nicht bloss eine abgegriffene Plattit\u00fcde darstellt, ist das Erstaunliche die geistige Schlichheit, die sich hinter der Verh\u00e4ngung dieser Einreisesperre gegen Herrn Sellner unmittelbar zu erkennen gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein geschichtsbewusster Mensch erkennt unvermittelt, wessen Geistes Kind die Urheber dieser Entscheidung sind. Dieser Geist insinuiert gewissermassen, wider alle geschichtlichen Fakten, dass die historische Relevanz des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945 einzig und alleine an der Person Adolf Hilters festzumachen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Relevanz Hitlers als pars pro toto l\u00e4sst sich zweifelsohne auf solider Faktenbasis nicht kleinreden, sollte selbstredend auch nicht legitime Absicht sein. Allerdings ist es fatal, die Geschichte des Nationalsozialismus auf Adolf Hitler zu verk\u00fcrzen. Es reichte auch nicht, sie um Josef Goebbels oder Hermann G\u00f6ring zu erweitern. Dies genau in einer solchen Weise zu tun, kann erkennbar nur dem Zweck dienen, die tieferliegenden Ursachen von Aufstieg und Fall des Naziregimes gar nicht erst beleuchten zu wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6chte man wirklich Parallelen zwischen 2024 und 1933 herausarbeiten, dann w\u00e4re der gebotene Ausgangspunkt einer derartigen Analyse ohne Zweifel jener, sich mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten in den Jahren des sukzessiven Aufstiegs der Nationalsozialisten vor 1933 zu besch\u00e4ftigen. Diese Arbeit wurde l\u00e4ngst gemacht, sie steht nicht nur in der historischen, sondern auch in der soziologischen und psychologischen Fachliteratur umfassend beschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Sollte die aktuell prominente Losung &#8218;Nie wieder!&#8216; ernst gemeint sein, dann gebietet es sich, die M\u00fche eines umfassenden Verst\u00e4ndnisses der sozialen und gesellschaftlichen Ursachen, die als der eigentliche N\u00e4hrboden f\u00fcr faschistoide Entwicklungen dient, nicht aus Bequemlichkeit zu scheuen und sich stattdessen, weil opportun und seitens der Herrschenden, als willkommene Vernebelungstaktik mit dem bekannten moralingetr\u00e4nkten Impetus als staatsb\u00fcrgerliche Pflicht getarnt und eingefordert, auf unterkomplexe, stereotype Denkmuster und billige Symbolik zur\u00fcckzuziehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die erkennbare, bewusste Weigerung des poltisch und juristisch verantwortlichen Personals, in gr\u00f6sseren Zusammenh\u00e4ngen zu denken und stattdessen die ins Absurde hochgejazzte Bedrohung der Demokratie auf die Person Martin Sellner einzudampfen, kann und muss man nicht nur als Beleidung an den Verstand des aufmerksamen Beobachters bezeichnen, sondern als in einem Ausmass geschichtsvergessen, dass man sich fragen muss, ob \u00fcberhaupt und, wenn doch, wie diese st\u00e4ndig larmoyant zur Schau gestellte deutsche Erinnerungskultur als Lehre aus den Verbrechen des Nationalsozialismus im Jahre 2024 wirklich mit Leben gef\u00fcllt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erspare mir hier weitere Ausf\u00fchrungen, warum es genau so und nicht anders ist. Dem aufmerksamen Beobachter sind die Gr\u00fcnde bestens bekannt. Sie sind systemimmanent und inzwischen in einem pathologisch hypertrophen Stadium angelangt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kurzform k\u00f6nnte man res\u00fcmieren, dass in dieser angeblich besten und freiesten Welt aller Zeiten eine erheblicher Anteil der Menschen nicht imstande zu sein scheint, zwischen Ursache und Wirkung sowie zwischen Kausalit\u00e4t und Korrelation unterscheiden zu k\u00f6nnen. Ebenso offenbart sich ein eklatanter Mangel an Reflektionsf\u00e4higkeit, Selbstkritik und Geschichtsbewusstsein. Anders l\u00e4sst sich meiner Auffassung nach etwa diese neuentdeckte abstuse und von selbstgerechter Moral erf\u00fcllte  Protestkultur nicht erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Staat, der in einer solchen Weise handelt und st\u00e4ndig seinen eigenen Untergang nicht nur bef\u00fcrchtet, sondern nach allen propagandistischen Regeln, fast wahnhaft herbeiphantasiert und dies in der Folge als Legitimation zur Abschaffung seines intrinsischen konstituierenden Rechtskodex verwendet, wird dabei selbst zur treibenden destruktiven Kraft, welche in Wahrheit, wider alle anderslautenden orwellschen Neusprechblasen, die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Gefahr bringt und damit selbst einen totalit\u00e4ren Anspruch geltend macht, den er allerdings damit zu kaschieren versucht, ihn mittels infamer Narrativen anderen zu unterstellen &#8211; und, als w\u00e4re die Posse nicht schon vollendet, bet\u00e4tigt er sich damit, unwissend oder bewusst billigend als aktivster F\u00f6rderer derjenigen, die er einzud\u00e4mmen vorgibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Sturm ist mittlerweilen weit mehr als ein meteorologisches Geschehnis. 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