{"id":815,"date":"2024-01-29T06:52:00","date_gmt":"2024-01-29T05:52:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/?p=815"},"modified":"2024-01-29T01:36:00","modified_gmt":"2024-01-29T00:36:00","slug":"die-eigene-betriebsblindheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.systemfragen.ch\/index.php\/2024\/01\/29\/die-eigene-betriebsblindheit\/","title":{"rendered":"Die eigene Betriebsblindheit"},"content":{"rendered":"\n<p>F\u00fcr jemanden, der den kategorischen Imperativ so hoch h\u00e4ngt wie ich es tue, besteht das Leben daraus, st\u00e4ndig alles dahingehend abzuklopfen, ob sich unter dem ersten oberfl\u00e4chlichen Eindruck mehr versteckt als dem Anschein nach zu vermuten w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist moralischer Anspruch, allerdings gesellt sich unbemerkt und unbeabsichtigt schneller als gedacht eine doch unbestreibare Hybris in die eigene Analyse der Geschehnisse.<\/p>\n\n\n\n<p>Goethe folgend nehme ich hier entlastend in Anspruch, dass der Mensch sich irrt, solange er strebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein bisschen ungehalten \u00fcber einen <a href=\"https:\/\/de.rt.com\/inland\/194054-ministerin-paus-unerwuenschte-meinungen-werden\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/de.rt.com\/inland\/194054-ministerin-paus-unerwuenschte-meinungen-werden\/\">Artikel<\/a> auf RT.de, habe ich der Redaktion einen Leserbrief zukommen lassen, im Bem\u00fchen, die meiner Auffassung ein klein wenig zu undifferenziert geratene Analyse der Autorin diskursiv zu erweitern, um bis dorthin unber\u00fccksichtigte Aspekte des pro und contra genauer herausarbeiten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ich vorhin beim Blick in die Leserbriefrubrik auf RT.de feststellte, wurde der meinige offenbar k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlich; denn ein anderer Leser hat in seinem Text auf ihn Bezug genommen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kurzfassung war mein Versuch einer maximal differenzierten Bewertung des Themas der, dass ich, einmal abgesehen vom Fanatismus der Abtreibungsgegner, durchaus Verst\u00e4ndnis f\u00fcr deren Anliegen zum Lebensschutz habe, es aber nicht f\u00fcr hinnehmbar halte, dass man Frauen in der Notsituation einer ungewollten Schwangerschaft auf dem Weg zu einer staatlich verordneten Beratung in physische und moralische Bedr\u00e4ngnis bringt. <\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re auch beim beliebig wiederholten Nachlesen meines Textes gewiss nicht aufgefallen, dass sich trotz aller Bem\u00fchungen, die wesentlichen Faktoren zu ber\u00fccksichtigen, gedankliche Leerstellen eingeschlichen haben, auf welche mich der Autor der Replik dankenswerterweise hinwies.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn er meinte, dass es gewiss eine nicht unerhebliche Zahl an ungewollten Schwangerschaften bei Frauen in sozial prek\u00e4ren Lagen g\u00e4be, wir aber nicht unber\u00fccksichtigt lassen d\u00fcrfen, dass es in einer wahrscheinlich erheblich gr\u00f6sseren Zahl Frauen g\u00e4be, die zwar unbeabsichtigt schwanger werden w\u00fcrden, sich des ungeborenen Kindes aber nur deswegen wieder entledigen wollen, weil es etwa einer ungehinderten beruflichen Karriere im Wege st\u00fcnde &#8211; womit wir unmittelbar wieder bei den Verhehrungen der neoliberalen Agenda w\u00e4ren. <\/p>\n\n\n\n<p>Zwar k\u00f6nnte ich nun erwidern, dass, unabh\u00e4ngig von der jeweiligen situativen Lage der Frau und der daraus resultierenden Motivation, sich f\u00fcr oder gegen ein Kind zu entscheiden, dennoch ihre individuelle Willensfreiheit \u00fcber allem anderen st\u00fcnde. <\/p>\n\n\n\n<p>Die zuvor erw\u00e4hnte Hybris enttarnt sich hier mit der Verwendung des Adjektivs &#8218;individuell&#8216;.<\/p>\n\n\n\n<p>Will ich dem Anspruch an eine differenzierte Bewertung komplexer Sachverhalte gerecht werden, darf es meiner Aufmerksam nicht entgehen, dass der legitime Anspruch auf Individualit\u00e4t, also eine selbstbestimmte Lebensf\u00fchrung keine absolute Geltung beanspruchen kann. Dass die eigenen W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse sowie deren Befriedigung in vielerlei Hinsicht essentiell f\u00fcr die Entwicklung eines stabilen Selbst sind, steht ausser Frage. <\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings erkl\u00e4rt man schon einem kleinen Kind, dass es nicht in jeder Lage seine Bed\u00fcrfnisse und seinen Willen gegen die nicht minder vitalen Bed\u00fcrfnisse anderer durchsetzen kann, und dass dies keineswegs einen Verlust f\u00fcr die pers\u00f6nliche Entwicklung bedeute, sondern durchaus die Chance zu einer unerwarteten Bereicherung der eigenen Welt beinhaltet.<\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir als unbestreitbar gesetztes Faktum an, dass der Neoliberalismus in all seinen Auspr\u00e4gungen durchwegs und r\u00fccksichtslos seinen Eigennutz \u00fcber alles andere stellt, dann bleibt auch mir, bei allem berechtigten Insistieren auf den freien Willen als ein Wesensmerkmal der Befreiung aus der eigenen Unm\u00fcndigkeit, keine andere Einsicht, als dass schon alleine vom humanistischen Standpunkt aus betrachtet, jeglicher Anspruch auf Freiheit selbstlimitierend sein muss und sich ein Ausgleich, auch zwischen verschiedenen, dem Geist der Aufkl\u00e4rung wesenseigenen Wertecodices, im Sinne des Humanismus als gleichermassen letzte wie h\u00f6chste moralische Instanz, gebietet.<\/p>\n\n\n\n<p>Freilich wird hier die Pforte in die Metaphysik weit aufgestossen. Man k\u00f6nnte dar\u00fcber philosophieren, ob es den freien Willen nach Vorstellung der Aufkl\u00e4rung \u00fcberhaupt gibt, ob dies eine Illusion oder eine Konstruktion sei. Gewiss, das ist alles zul\u00e4ssig, allerdings sehe ich spontan keine Basis f\u00fcr die Metaphysik, hier schl\u00fcssige Antworten auf die simple, aber mit schwerwiegenden moralischen Implikationen behaftete Frage, wie \u00fcber Leben und Tod eines Embryos oder eines F\u00f6tus zu entscheiden w\u00e4re, ohne dass sich dennoch unweigerlich menschliche Abgr\u00fcnde auft\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem sind solch metaphysischen Untersuchungen bisweilen derart theoretische Konstrukte, dass sie zu deren Verst\u00e4ndnis eines entsprechenden \u00dcberbaus an Fachkenntnis bed\u00fcrfen, wor\u00fcber die allermeisten Menschen nicht verf\u00fcgen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das wiederum mag man bedauern, ist aber eine Realit\u00e4t. Es sollte in einer derart verkopften Form auch keine Voraussetzung f\u00fcr eine bestm\u00f6gliche freie und selbstbestimmte Lebensgestaltung sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne dass mir dieser Gedanke besonders gefiele, k\u00f6nnte es durchaus sein, dass gerade solche Fragen \u00fcber Leben und Tod mit einem individuell und akurat verankerten spirituellen Wertekompass f\u00fcr den Einzelnen leichter zu beantworten sind als mittels einer erst zu konstruierenden moralphilosophischen Herleitung.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbstredend schliesst mein Verst\u00e4ndnis von Spiritualit\u00e4t eine Huldigung beliebiger Mammon-G\u00f6tzenbilder explizit aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr jemanden, der den kategorischen Imperativ so hoch h\u00e4ngt wie ich es tue, besteht das Leben daraus, st\u00e4ndig alles dahingehend abzuklopfen, ob sich unter dem ersten oberfl\u00e4chlichen Eindruck mehr versteckt als dem Anschein nach zu vermuten w\u00e4re. 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