Zerfallen(d)e Werte Pascal, 8. August 202317. September 2023 Wer heute bei noch halbwegs klarem Verstand, sofern man diesen überhaupt bewahren konnte, einen Blick ins Tagesgeschehen, oder vielmehr in die Berichterstattung darüber wirft, kommt kaum noch aus dem Staunen heraus. Selten gab es derart klare Definitionen davon, was gut und was böse ist, was schwarz oder weiss. Selbst vor Bekundungen zu völlig subjektiven Betrachtungen, ob nun etwa dieses herbstartige Wetter für Anfang August zu kalt oder doch eher angenehm ist, muss man unter Umständen schnell zurückschrecken, sofern man nicht einen Kopf kürzer gemacht werden will. Mir ist es ganz klar zu kalt für August. Das nur nebenbei. Ein menschliches Paradoxon, welches immer wieder in unterschiedlichen Ausformungen, aber jeweils mit derselben Vehemenz und Impertinenz auftritt, ist, immer dann am lautesten nach Werten, Anstand und Moral zu schreien, wenn gleichzeitig alle fleissig damit beschäftigt sind, sich ebenjenen gerade zu entledigen, weil sie meist den eigenen Absichten im Wege stehen. Je lauter jemand schreit, desto mehr Aufmerksamkeit lenkt derjenige von sich selbst auf die anderen und kann somit ungestörter seinem Frevel fröhnen. Über Umwege bin ich heute in einem Arztgespräch irgendwann bei meiner Schulzeit gelandet. Bei der Feststellung, dass diese Schule sich nicht nur, bar jeglicher Realität, als eine Art Eliteschmiede verstanden hat, sondern, was durchaus auch paradox ist, sich einerseits auf eine Abart von militärischem Drill festgefahren hatet, andererseits es dennoch schaffte, zumindest uns als der ‚zukünftigen Elite‘ und zu jener Zeit Mitte der 1990er, humanistische Werte hochzuhalten und entsprechend zu vermitteln. Haltet den Dieb! Rückblickend denke ich, dass wir einer der letzten Jahrgänge waren, nicht nur in jener Schule, sondern im gesamten schweizerischen Schulsystem, die noch einen solchen Wertekanon mit auf den Lebensweg gekriegt haben. Enttarndend war jedoch schon damals die Hybris eines Grossteil der Lehrerschaft. Für uns als Schüler geziemte es sich nicht, mit den Händen in der Hosentasche rumzustehen und so einem Lehrer gegenüber zu treten. Damit konnte man sich schnell einen harschen Tadel, gerade des chronisch cholerischen Rektors holen. Gewiss waren uns Schülern aber auch Geschichten aus dem Privatleben der Lehrerschaft zu Ohren gekommen. Wie eben in der Schweiz fast alles nach einer Form von Milizprinzip funktioniert, schickten, zumindest damals noch, Lehrer ihre Kinder mitnichten in irgendwelche private Kaderschmieden, sondern mit dem Pöbel in die Klassen öffentlicher Schulen. Für Zuträger aus der verborgenen Sphäre der Lehrenden war also gesorgt. So war es unter uns bekannt, dass einer der strengsten Moralhüter der Schule, einer, der sich keine Gelegenheit entgehen liess, uns an seinen ‚hohen‘ moralischen Ansätze zu messen und uns dann regelmässig zur Schnecke zu machen, im Privatleben – wer hätte das gedacht – seine eigene Frau mit seiner Pedanterie in die Psychiatrie getrieben hatte. Im Nebensatz wurde dann noch hinzugefügt, dass man auch ihn des öfteren mit wechselnden Frauen im öffentlichen Raum sichten kann. Nietzsches ‚Menschliches, Allzumenschliches‘ muss einem dabei zwangsläufig in den Sinn kommen, wobei ich für mich selbst den Widerspruch zwischen dem hohen moralischen Anspruch, gerade dem gegenüber den Mitmenschen, und der eigenen Unfähigkeit, diesen Anspruch an sich selbst zu stellen, geschweige denn erfüllen zu wollen oder zu können, auf keine Art in Kongruenz bringen kann. Ne sutor supra crepidam! möchte ich Plinius der Ältere zitieren. Das könnte man derzeit auch all den Gralshütern der richtigen Haltung, der richtigen Moral anraten. Das wäre allerdings vergeben. Nun könnte einem das egal sein. Jakob Bidermanns Cenodoxus wurde schon vor über 400 Jahren von allen bewundert. Natürlich bewunderte er sich selbst am meisten. Wie es eben so ist, wenn man der Nabelschau fröhnt. Wie gesagt: es könnte einem egal sein. Ist es aber nicht. Immer weniger. Und schon gar nicht mehr mir. Nicht nach den letzten 4 Jahren. Corona, Krieg und Kind Zu den beiden ersteren ist bereits viel gesagt worden. Beim Krieg kann ich noch sagen: tangiert mich nicht. Und wenn schlimmstenfalls dann doch, wird von dieser Welt als ganzes nicht mehr viel übrig bleiben; und die (Über)Lebenden werden die Toten beneiden. Der Virus hingegen, hat mich eine Woche mit Fieber und Husten aufs Sofa katapultiert, hat hingegen nachhaltig mein Vertrauen in alle staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen erschüttert, sowie die moralinsaure Rabulistik der Massnahmen-Verantwortlichen derart ihres vorgeblich wertegelenkten Handelns entkleidet. Wer 40 Jahre ständig als Mittel zum Zweck an die niederen Instinkte appeliert, wer sagt, jeder sei alleine seines Glückes Schmied oder gar ‚There’s no such thing as society‘ – der hat jegliche Glaubwürdigkeit verspielt und darf sich nicht wundern, wenn nun Appelle an die Solidarität der Menschen untereinander nichts weiter als Verwunderung auslösen. Was man nie erworben hat, kann man auch nie angewenden. In einer Gesellschaft von ethisch-moralischen Analphabeten ist nicht nur vergebene Mühe, Werte und damit verbundene Fähigkeiten einzufordern, die nie vermittelt worden sind, nein, es ist vielmehr an Niederträchtigkeit nicht mehr zu überbieten. Gut, soweit meine Wutrede. Der Blick vom Makrokosmos zurück in den Mikrokosmos meines Lebens Irgendwann kam dieses Kind. Oder sagen wir eher, sein Vater kam wieder einmal daher gekrochen, erinnerte sich plötzlich wieder, dass er irgendwann einmal bei (m)einer Frau seinen Samen deponiert hatte und nun etwas daraus entstanden ist, was ihm zwar bestens bekannt, aber die ganze Zeit hinweg nicht so wichtig war, als dass der gnäd’ge Herr sich genötigt gesehen hätte, ausser den Rechten einzufordern auch den Pflichten nachzukommen. Ich war bekanntlich so zuvorkommend, an Kindes Statt allen Verpflichtungen gerecht zu werden und mich im Umkehrschluss dann doch nur mit Brosamen abspeisen zu lassen. Dass es irgendwann schliesslich nicht mehr nach Kopf des Herren ging, versteht sich für jeden Menschen, der sich halbwegs noch seines Verstandes bedienen kann, wie von selbst. Wie kafkaesk war dann hingegen mein böses Erwachen an jenem kalten Morgen anfangs März, als ich Zeugnis über mein Engagement abzulegen hatte. Mich erklären musste, warum ich das gemacht habe, was ein Mensch, der seinen moralischen Kompass zumindest noch ein wenig pflegt und korrekt geeicht hat, notwendigerweise tun muss. Es ist der Rigorismus dieses Menschen, der ihm keine andere Wahl lässt, als das moralisch Richtige zu tun; denn es gibt kein Deutung dessen, was Menschlichkeit wirklich ist. Um einmal mehr mit Adorno zu sprechen – es gibt kein richtiges Leben im falschen. Aber dennoch (gilt jeweils auch vice versa): Opfer werden zu Tätern gemacht. Menschlichkeit wird zum egoistischen Motiv umgedeutet. Und Krieg ist in Wahrheit Frieden. Dies sind die wahren, für jedermann offenbaren Bekenntnisse einer Gesellschaft, die sich selbst die moralische Bankrotterklärung ausgestellt hat und sich dennoch weiter im selbstgerechten Morast suhlt. Da kann man nicht so viel fressen, wie man k…. Der tägliche Wahnsinn Politik
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